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„When you walk through a storm,/ Hold your head up high,/ And don’t be afraid of the dark./ At the end of a storm,/ There’s a golden sky,/ And a sweet silver song of a lark.“

Times mager

Hymne

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„You’ll never walk alone“. Die Hymne, in Liverpool und Dortmund gepflegt wie sonst nirgendwo, ist so etwas wie ein Trost in einer Welt der besinnungslos siegesgewissen Grölgesänge.

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Gut lebt der Fußball von den großen Erzählungen, und gerne übertreibt er dabei. Dass das Große nicht groß genug sein kann, das gehört unbedingt dazu. Denn wo Siegergeschichten geschrieben werden, möchte man sich nicht von den Verlierern reinreden lassen. Die Dinge sind nun mal so, dass die Unterlegenen mit hängendem Kopf den Platz verlassen, still und stumm, schluchzend oder schlurfend. Der hängende Kopf wie fürs Fallbeil gebeugt.

Zur Liturgie aber gehört, dass die Verlierer ein Spalier für die Sieger bilden, in Erwartung einer Hymne, die sogar noch schlimmer ist als jedes Fallbeil: „So sehen Sieger aus“. Oder, nicht weniger schaurig: „We are the champions“. Der Sieg fordert Opfer, archaische Gesetze, barbarische Begleitumstände.

Es gibt Ausnahmen. Und die treffen am kommenden Sonntag aufeinander, in einem Freundschaftsspiel, gewiss nur in einem Vorbereitungsmatch auf die kommende Saison. Man wird die Dinge nicht so ernst nehmen wie üblich, wenn Borussia Dortmund beim FC Liverpool antritt.

Unter allen Umständen nicht so ernst wie im Mai 1966, als Teams der beiden Vereine sich in Glasgow im Endspiel des Europapokals der Pokalsieger gegenüberstanden, und der FC Liverpool, turmhoher Favorit, dem BVB unterlag. Kein Spalier für den Sieger, man gab sich die Hand.

Beide Vereine verbindet die Ballade

Damals stieg in Liverpool, nicht wegen der Niederlage direkt, aber weil die Ballade durch Broadway-Musical und Popsong Kreise zog, „You’ll never walk alone“ in der Liverpooler Fankurve auf zur Hymne – und so sehr die Anfield Road, das Liverpooler Stadion, Urgrund dieses Fangesangs ist, so verbindet doch beide Vereine dies: „When you walk through a storm,/ Hold your head up high,/ And don’t be afraid of the dark./ At the end of a storm,/ There’s a golden sky,/ And a sweet silver song of a lark.“

Es ist ein Kindertraum, dass man im Sturm den Kopf hochhält und sich nicht vor der Dunkelheit fürchtet. Und auch wenn es seltsam anmutet, dass man auf einer Tribüne aus rauen Kehlen das Tirilieren einer Nachtigall besingt, dann muss man doch sagen, dass das Wissen um Demütigung und Demut, Hoffnung und Trotz, Verzagen und Zuversicht in keinem Fußballlied so lebt wie in diesem – ja, was: Choral? Kunstlied?

Die Hymne, in Liverpool und Dortmund gepflegt wie sonst nirgendwo, ist so etwas wie ein Trost in einer Welt der besinnungslos siegesgewissen Grölgesänge. In einer Welt, in der ansonsten nur die Triumphe mit barbarischem Stolz hinausposaunt werden, deutet sich ein Bangen an angesichts einer Welt, die nicht nur von dieser Fußballwelt ist.

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