+
Oh oh: Was nicht das richtige Rot hat, fliegt runter vom Dach.

Times mager

Hüpede

  • schließen

Deutsche Situationen: Kanzlerin Merkel ist als Telefonjoker nicht erreichbar und in Hüpede machen die Farben der Dachziegel ernsthaft Ärger.

Man muss froh sein, dass die Kanzlerin nicht ans Telefon gegangen ist, als der Bosbach anrief. „Wer wird Millionär?“, der Wolfgang Bosbach (CDU) sitzt da im Fernsehen beim Jauch und weiß nicht, was man in der DDR mit der Waschmaschine WM66 noch alles machen konnte außer waschen. Woher soll er das auch wissen, der Mann ist Rheinländer. WM66 – da denkt jeder Ältere aus dem Westen doch an das Wembleytor, 30. Juli 1966, 101. Minute, ein Tor, das keins war und meinetwegen auch noch an Helmut Haller und den Lederball und den geknickten Uwe Seeler, aber doch nicht an dieses runde wummernde Ding aus dem Osten, mit dem man auch Obst einwecken und Bockwürste heiß machen konnte.

Jedenfalls ist Angela Merkel nicht rangegegangen, warum auch immer. Und: Gott sei Dank, weil eine Kanzlerin in diesen Zeiten doch auch eine Menge anderes zu tun hat als Telefonjoker zu sein. In der Ukraine ist Krieg, die Briten spinnen, Frankreich hat Mist gewählt, Mutti muss den Europa-Laden zusammenhalten.

Unhunnisch und entspannt

Andererseits heißt es überall auf der Welt: Deutschland, Insel der Glückseligkeit. Fußballerisch eher Lazarett, aber der Rest krass. Wirtschaft und Politik stabil, bei Einwanderern beliebter als Kanada, die Deutschen wirken im Umgang unhunnisch und entspannt bis freundlich. Sogar der „Stern“ hat was gespürt und schreibt 100 Gründe auf, warum man Deutschland lieben muss.

Schön, schön, aber nach fest kommt ab, sagt der Klempner, was für die deutsche Glückseligkeit bedeutet: Schon wenige Zentimeter dahinter sprießt der kleine Irrsinn, also das, wovon Loriot sein Leben lang erzählt hat.

Womit wir in Hüpede, einem Ortsteil von Pattensen bei Hannover angekommen wären, im Astrid-Lindgren-Weg, einem Neubaugebiet, wo rote bis rotbraune Dachziegeln Vorschrift sind, matt und keinesfalls glänzend, woran sich fünf Hauseigentümer nicht gehalten haben. Ihre Ziegel sind eine Idee zu rot, einige sind sogar anthrazit und glänzend. Die Bauaufsicht fordert: runter damit, ein Eigentümer klagte, es geht um eine Menge Geld.

Nun kommt die Politik, allerdings zögerlich, denn in Pattensen ist am 15. Juni Bürgermeisterstichwahl, der Tag, an dem man das Volk um seine bunten Dachziegeln fürchten muss. Pattensens Politiker haben nun einfach den Bebauungsplan mitsamt Farbenlehre außer Kraft gesetzt. Begründung: „Wir haben erfahren, dass einzelne Farben – so, wie sie im Bebauungsplan stehen – nicht eindeutig produzierbar sind.“

Lassen Sie den Satz bitte ein paar Augenblicke auf sich wirken.

Auch das ist Deutschland.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion