Macht Jack Nicholson auf dem Handydisplay ohne Ton genauso viel Angst?
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Macht Jack Nicholson auf dem Handydisplay ohne Ton genauso viel Angst?

Times Mager

Horror

  • Judith v. Sternburg
    vonJudith v. Sternburg
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Wer keine Horrorfilme sieht, kann nicht mitreden, führt aber ein friedliches und vielleicht längeres Leben.

Wer sehr viel und gerne fernsieht, aber niemals eine Talkshow, läuft stets Gefahr, an einen Horrorfilm zu geraten. Die einen lachen über Horrorfilme, braten sich in der Küche Popcorn auf, laden Freundinnen ein und kreischen glücklich auf dem Sofa herum. Es dürfte sich um ähnliche Personengruppen handeln, wie sie auf Achterbahnen anzutreffen ist. Oder um solche, die im Urlaub gerne Funsportarten ausprobieren. Es ist faszinierend, dass in einer Welt, die sich doch ständig damit befasst, wer zu welcher Gruppe gehört und woran sich das festmachen lässt, nicht auf die naheliegendsten, die wesentlichen Einteilungen kommt: dass es Menschen gibt, die im Urlaub Funsportarten ausprobieren, und Menschen, die das ganz sicher nicht tun. Letztere wissen meistens nicht einmal genau, was Funsportarten sein sollen (quiekend irgendwo runterfallen?). Es gibt hier kein Zueinander.

Aber zurück zu den Horrorfilmen. Es ist nicht einfach, gesellschaftlich und kulturell mitzuhalten, wenn man weder „Psycho“ noch „Shining“ noch „Rosemaries Baby“ noch „Nebel des Grauens“ noch „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ noch „Alien“ noch „Nacht der lebenden Toten“ noch „Halloween“ gesehen hat. Schlimmer war es zwar früher, nicht in das gemeinsame hochintelligente Kichern einfallen zu können, wenn jemand „42“ sagte. Aber aus diesem Alter sind wir glücklicherweise allmählich heraus.

Was jedoch heißt in diesem Fall: nicht gesehen hat? Natürlich gibt es in „Psycho“ eine schreckliche Szene mit einer duschenden Frau, in „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ mit einem kleinwüchsigen Capeträger, in „Shining“ mit humorlosen Zwillingen und in „Rosemaries Baby“ mit einem Abkömmling des Leibhaftigen. Das weiß man auch, wenn man diese Filme nicht gesehen hat, und ich kann Ihnen sagen, dass das Grauen durch die Zusammenhanglosigkeit dieser Bilder vermutlich noch schlimmer wird. Und jeder halbwegs gebildete Mensch hat auch ohne Kenntnis von Zombie-Filmen eine Vorstellung von Zombies. Etwa durch „Pflanzen gegen Zombies“. Ein abwechslungsreiches Spiel, das manche frohe Stunde bescherte, zumal man sich vom Stress im selbst angelegten Zen-Garten erholt. Ein Handy-Display ist zu klein, um große Angst vor den Zombies zu bekommen. Erst recht, wenn man den Ton abstellt.

Den Ton abzustellen, wäre überhaupt die einzige Lösung, wenn an einem Horrorfilm kein Weg vorbeiführt. Weil die anderen aber nichts verpassen wollen, hält sich der vernünftige Mensch Augen und Ohren zu und lässt sich zubrüllen, was gerade passiert. Das funktioniert gut, aber man geht seiner Umgebung schwer auf die Nerven damit. Besser freilich als vor Angst umzukommen.

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