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Hohl

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Von: Stephan Hebel

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Alles südlich von Cuxhaven ist Italien.
Alles südlich von Cuxhaven ist Italien. © imago/ecomedia/robert fishman

Auch eigentlich zauberhaft: Eine Weinprobe in Cuxhaven, wo alle Landstriche südlich des Harzes für eine Art Italien gehalten werden.

Von Georg Christoph Lichtenberg stammt der Aphorismus „Wenn ein Buch und ein Kopf zusammenstoßen und es klingt hohl, ist das allemal im Buch?“ Es versteht sich, dass in der Frage die Antwort bereits enthalten ist. Und dass sie für den Kopf nicht besonders schmeichelhaft ausfällt, liegt ebenso auf der Hand.

Freund J., der einen wundervollen Weinladen betreibt, erinnerte seine Kundschaft dieser Tage daran, dass es ähnliche Situationen auch im Zusammenspiel von Getränk und Trinker gibt. Wenn ein Wein und ein Gaumen zusammenstießen und es schmecke fad, so ließ J. sich in etwa aus, dann müsse es nicht allemal am Tropfen liegen.

Natürlich wollte J. seine zur abendlichen Probe versammelte Kundschaft nicht etwa pauschal für hohl oder fad erklären. Was er meinte, war der Einfluss der jeweils vorhandenen Umgebung auf das Geschmackserlebnis beim Trinken (zum Einfluss der Umgebung aufs Lesen – von Büchern! – sagte er nichts, auch nicht zum Einfluss erlesenen Weins auf den Genuss von Literatur).

Es ist wichtig zu wissen, dass die Weinprobe in Cuxhaven stattfand, wo man, wie Einheimische versicherten, alle Landstriche südlich des Harzes für eine Art Italien hält, so dass der Bekanntheitsgrad der Pfalz, die dem Abend das Thema gab, nicht weit hinausgehe etwa über denjenigen der Emilia Romagna. So, wohlgemerkt, die Einheimischen. Freund J. wollte vor diesem Hintergrund nur andeuten, dass der Zusammenstoß zwischen Wein und Gaumen sich durchaus unterschiedlich anfühlen könne, je nachdem, ob man den Harz von Norden überwunden habe oder nicht.

Nun schmeckte allerdings Cuxhaven an diesem wettermilde verzauberten Abend wie eine Art Pfalz oder Emilia Romagna. Fast mediterran die Atmosphäre, sonnenbeglückt die Menschen bis hin zu einer Leutseligkeit, die man am Nordseestrand kaum erwartet hätte. Als wollte das 21. Jahrhundert endgültig beglaubigen, was derselbe Lichtenberg, der so viel von hohlen Köpfen verstand, schon 1793 angeregt hatte: dass hier der beste Ort für ein deutsches Seebad sei.

Es sind diese abgelegenen Orte und Momente, in denen die Kollision der Idylle mit dem Rest der Wirklichkeit besonders schmerzt. Langsam schlichen sich die Amok-Nachrichten aus München in den Abend, und es war zu spüren, wie das Beharren auf einem glücklichen Augenblick der Weltabgewandtheit mit der Erkenntnis der Gewalt in einen ungleichen Zweikampf geriet.

Manch ein Gast war sicher, dass der Wein plötzlich ganz anders schmeckte. Irgendwie hohl. Am Wein lag es nicht.

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