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Hohes C

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Von: Judith von Sternburg

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Luciano Pavarotti 2005: Stellen wir uns einfach vor, wie es klingt, wenn er das späte ä in der Arie „Nessun dorma“ singt, das ä im dritten „vincerò“.
Luciano Pavarotti 2005: Stellen wir uns einfach vor, wie es klingt, wenn er das späte ä in der Arie „Nessun dorma“ singt, das ä im dritten „vincerò“. © Bernd Weißbrod/dpa

Giuseppe Verdis 121. Todestag ist nicht der perfekte Termin, um darüber zu sprechen. Andererseits: Auch er gab gelegentlich eine Sondergenehmigung für ein hohes C.

Der namhafteste Ton der Welt ist das hohe C aus dem Mund eines Tenors. So wie das Publikum es hören will, erklingt es seit 1837, als Gilbert-Louis Duprez das erste hohe C in der Bruststimme gelang. Dies geschah in der Rossini-Oper „Wilhelm Tell“, dessen kniffligste Stellen die Vorgänger bald weggelassen hatten. Rossini selbst wird mit der Äußerung zitiert, es klinge wie der „Schrei eines Kapauns, dem die Kehle durchgeschnitten wird“. Eine Unverschämtheit, andererseits kann sich jeder etwas darunter vorstellen, selbst wenn man nur vage Vorstellungen davon hat, was ein Kapaun ist. Faszinierend, dass sich der Ton dennoch als Inbegriff der Virilität durchsetzte.

Bruststimme? Ein Mann kommt recht mühelos zum hohen C, wenn er die Kopfstimme mitbenutzt, aber lassen wir das. Stellen wir uns einfach vor, wie es klingt, wenn Luciano Pavarotti das späte ä in der Arie „Nessun dorma“ singt, das ä im dritten „vincerò“. Für einen Menschen ohne absolutes Gehör oder/und Musiklexikon oder/und Internet hört es sich absolut wie ein perfektes hohes C an, auch wenn es natürlich nur ein B ist. Komponist Puccini stellte es sich auch nicht als das Prahlhansel-ä vor, als das es gesungen wird, gesungen werden muss, damit keiner schlecht über den Tenor denkt. Man ahnt jedenfalls an dieser Stelle, wie hoch ein hohes C ist, noch höher, echt hoch. Auch Siegfried, der weiß Gott andere Probleme hat, muss es kurz erreichen. Der moderne Heldentenor wird aber den Juchzer in der markanten Wagner-Zeile „Hoiho! Hoiho! Hoihe!“ gnadenlos aussingen. Dem Tenor ist nichts zu schwor.

Das Publikum also, erpicht auf olympische Höhe und Länge, nimmt übel, wenn der Tenor nicht mithalten kann oder will. Denn der Mythos des hohen Cs verlangt es auch an Stellen, an die es nicht gehört. Als Salvatore Licitra an der Scala auf Geheiß des Dirigenten Riccardo Muti am Ende der Stretta „Di quella pira“ keins sang – es steht keins in der Partitur –, wurde er so ausgebuht, dass Muti dem Publikum zugerufen haben soll, es sei seine Schuld.

Lieber hätten wir darum nicht ausgerechnet an Verdis 121. Todestag über hohe Cs gesprochen. Es ging aus organisatorischen Gründen nicht anders. Immerhin gab Verdi besonders fitten Tenören Sondergenehmigungen. Verbringen wir also den Tag mit Pavarotti und „Di quella pira“, denn selbstverständlich sang er auch das hohe C, und zwar wie kein anderer. Am späten Nachmittag könnte man, auf Neues aus, noch auf Youtube die berüchtigte Neun-hohe-Cs-Arie aus Donizettis „Regimentstochter“ einschalten. Der junge Pavarotti singt wie ein Gott. An den entscheidenden Stellen steht er ruhig und gerade, unablenkbar, ganz Körper, der Töne formt.

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