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In der Hölle setzt man ihnen nur kaltes, dafür angebranntes Essen vor.

Times mager

Höllenservice

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Wie wir uns das gern vorstellen: Es klopft an der Hotelzimmertür, dann kommt das Gegenteil dessen, was man sich wünscht.

Vor einer Woche ging es an dieser Stelle um das spezielle Hölleneck für britische Brexit-Betreiber, aber damit sind die Beherbergungsmöglichkeiten der Unterwelt ja keineswegs erschöpft. So popelig ist die Unterwelt nicht gebaut. Es handelt sich quasi um ein Fünfsternehotel, in dem den Gästen jeder Wunsch von den Augen abgelesen wird – und dann bringt ihnen der Zimmerservice das Gegenteil. Oder so hätte es das Times mager jedenfalls gern.

Der Autobahndrängler darf drängeln, so viel er mit dreieinhalb PS kann. Der Rote-Ampel-Radler muss bei Grün bremsen, weil ihm so ein Fußgänger vors Rad läuft, der offenbar noch nie was von Verkehrsregeln gehört hat. Der Supermarktthekenschlange-Ignorierer muss vorne jedes Mal feststellen, dass seine Lieblingswurst/sein Lieblingskäse just ausverkauft sind. Und bis er sich umentschieden hat, sind auch die zweitliebste Wurst/der zweitliebste Käse ausverkauft.

Nebenan landen alle Gastronomen, die die Suppe lauwarm und ebenso lau das Wasser haben auftischen lassen, in das man seinen Teebeutel hängen sollte. In der Hölle setzt man ihnen nur kaltes, dafür angebranntes Essen vor. (Das gilt auch für alle, die im Leben stolz darauf waren, „nie was anbrennen“ zu lassen.)

Ein Stück weiter hocken zu Tausenden jene, die zu Lebzeiten in öffentlichen Verkehrsmitteln telefonierten, als hätten sie gar kein Telefon. Nun möchten sie ihrem Bärchen/Mausi/Schatzi einmal mehr sagen, dass sie in sechs bis acht Minuten ankommen, aber da das hier alle sagen wollen und auch immer lauter schreien, kann sie Bärchen/Mausi/Schatzi leider nicht verstehen. Und gleich ist auch wieder Signalstörung. Und gleich meldet das Handy „Kein Netz“. Und wenn die Telefonierer dann endlich aussteigen wollen, drängeln schon die Einsteiger. Aus Energiespargründen werden sogar hier unten diejenigen zusammengelegt, die sich praktischerweise gegenseitig auf die Nerven gehen.

Indessen hat der Teufel Zeit, eine Suite vorzubereiten, in die der Höllenservice immer nur Getreidebrätlinge und ein wenig Obst bringen, in der es keinen Fernseher und kein Smartphone geben wird. Dafür kommt jeden Morgen zuverlässig die „New York Times“.

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