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„Tom Sawyer“ womöglich kein Buch für Kinder?
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„Tom Sawyer“ womöglich kein Buch für Kinder?

Times mager

Höhle, Habe

  • Christian Thomas
    VonChristian Thomas
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Vielleicht sind Bücher ein anderes Wort für Heimat, Kinderbücher erst recht - und im Rückblick, im Abstand von vielen Jahren auf die eigene Kindheit, eine Umschreibung für Heimatverlust.

Dinge zurückzulassen bedeutet, dass sie einem als Ding nicht nachlaufen. Aber auf andere Weise schon. Mochte auch der feste Platz, den sie hatten, und sei es in einer Ecke, sie ungezählte Male unauffällig machen. Waren sie deshalb nutzlos? Es war so, dass sie da waren. Man musste sie nicht suchen. Wenn sie nicht hinter einer Tür verschwanden oder im Keller oder auf dem Dachboden, waren sie nicht aus dem Sinn.

Bücher halten sich anders im Leben. Sie bleiben auch anders zurück, und sie verschwinden anders. Bücher hinterlassen einen „Eindruck“, und John Updike, der das gesagt hat, dachte dabei an „Tom Sawyer“, als er erzählte, wie ihm „die Höhlenszene in ,Tom Sawyer‘“ in Angst und Schrecken versetzte.“ Am Anfang war also für den eines Tages großen amerikanischen Erzähler das Wort. Denn wäre es nicht mächtig gewesen, es hätte niemals einen solchen Eindruck auf das Kind gemacht. Die Höhle fast so entsetzlich wie die Hölle selbst.

Der „Tom Sawyer“ also womöglich kein Buch für Kinder? Wo verlaufen die Grenzen zwischen einem Kinderbuch und einem Jugendbuch? Wurden sie im Laufe der letzten fast 150 Jahre, seit dem Erscheinen von Mark Twains „Die Abenteuer des Tom Sawyer“ verschoben? In der Erinnerung gibt es manchmal den Moment, an dem bereits der Buchumschlag zum Helden wird, dann nämlich, wenn man ihn nicht blöd fand – das konnte mit zunehmendem Alter durchaus passieren. Was aber hieß das dann für das Buch? War für die Abenteuer die Zeit gekommen, um sich von ihnen zu trennen, frei zu machen von dem Buch wie von der Geschichte.

Sieben Leben, heißt es, habe die Katze. Sieben Leben hat für viele Leserinnen und Leser vielleicht auch der „Tom Sawyer“, vielleicht eher für Leser als für Leserinnen, aus welchem Grund auch immer (und Begründungen lassen sich immer finden). Wie viele Leben auch immer es gibt, in denen ein Buch sieben Mal gelesen wird – es kann der Tag kommen, an dem sich ein Leser oder eine Leserin entscheiden muss, ob er oder sie sich von einem Buch trennt und dafür ein anderes Ding zurücklässt, willentlich oder überstürzt, worauf die soeben in Berlin eröffnete Ausstellung zur „Flucht, Vertreibung und Versöhnung“ aufmerksam macht, ob durch einen Koffer oder Rucksack, in Europa, in der Vergangenheit, in der Gegenwart, global.

Dinge zurücklassen, angefangen mit der Heimat. So zeigt es die Ausstellung, die ihre Anschaulichkeit durch Objekte bezieht, die als bewegliche Habe gelten. Bücher müssen dazu gezählt werden. Vielleicht sind Bücher hier und da ein anderes Wort für Heimat, Kinderbücher erst recht - und im Rückblick, im Abstand von vielen Jahren auf die eigene Kindheit, eine Umschreibung für Heimatverlust.

Vielleicht bilden Bücher, so schrecklich einzelne Szenen auch sind, so etwas wie eine Höhle, ob in Ostpreußen, 1945, in Sarajewo 1994, in Syrien heute, wo auch immer in der Hölle.

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