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Noch einmal die Sonne genießen.

Times Mager

Hochprozentig

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Der letzte schöne Tag: eine solche Ankündigung erhöht gewaltig den Druck, diesen sinnvoll zu verbringen.

Alle Wetterberichte(r) hatten Druck gemacht – und ihr Druck hatte mit einem anderen Druck zu tun, einem freilich angenehm luftigen –, dass nämlich der letzte schöne Tag (LST) des Jahres 2019 bevorstehe, möglicherweise sogar noch eines Teils 2020, bis der Frühling sich aufrafft zum wiederum ersten dieser Art (EST). Der letzte schöne Tag: eine solche Ankündigung erhöht gewaltig den Druck, den LST sinnvoll zu verbringen, und da keineswegs alle Vögel abgereist sind, schwirrte das Wort mit ihnen durch die milde, sonnendurchschienene Luft. Schwer, sich von ihm nicht unter Druck setzen zu lassen.

Die Wandergruppe bestätigte sich darum ein ums andere Mal – die eine bestätigte dabei den anderen, der andere die eine –, alles richtig gemacht zu haben an diesem Tag. Denn auf dem höchsten Berg Hessens feinziselierte die schräge Sonne jeden Halm, jedes Blatt, machte auch jedes Schräubchen und Rädchen der Wettermessgeräte plastisch, die dort oben so zahlreich sind, dass sich kein Schönwetterwanderer vorzustellen vermag, welche von oben kommenden oder unsichtbar vorbeiwehenden Partikel diese Geräte zu messen vermögen. Vielleicht ist ja auch ein Gerät für den Luftalkoholgehalt dabei, scherzte einer.

War doch die Wandergruppe auf dem Weg zum Gipfel vom einen, dem LST-Druck, schnurstracks in den anderen, den Mittrink-Druck geraten, da half kein Hinweis auf einen noch langen Weg, auf noch so schwere Füße. Dörfliche Jugend rüstete sich bzw. den Kerbbaum für die Kerb, da ist, so die Sitte, so der Schwur, kein Vorbeigehen ohne einen Schluck, hochprozentig, versteht sich. Auch nicht ohne die Auskunft, woher man denn komme? Aus der Stadt F.? „Terroristen!“, sagte da der Kerbbursch, und es klang doch nicht nur scherzhaft. Da hing nun das „Terroristen!“ einen Moment in der klaren milden Luft, bis jemand geistesgegenwärtig nach der Schnapsflasche griff. Besser schwere Füße als miese Stimmung.

Am Tag darauf hatte das Wetter tatsächlich umgeschlagen. Und stellte sich abends nicht nur bei jenen, die den LST hochprozentig gefeiert hatten, Ernüchterung ein. Dies angesichts von Hochrechnungen, die nichts mit dem Wetter zu tun hatten, die aber ahnen ließen, dass ein paar Schlucke Obstbrand zwischen Dorfjugend und Stadtbewohnern noch lange nichts ins Lot bringen.

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