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Von: Judith von Sternburg

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„Ich bin mein schärfster Kritiker“: Benedict Cumberbatch beim Pressetermin zu „Doctor Strange“- Ende April in London. imago images
Benedict Cumberbatch beim Pressetermin zu „Doctor Strange“- Ende April in London. © PA Images/Imago Images

Sieh mal einer an: Hinter Benedict Cumberbatch als Doctor Strange liefert eine Statistin eine ziemlich große Nummer ab.

Das Ablenkungsfilmchen des Wochenendes ist 26 Sekunden lang und zeigt eine Statistin, die hinter Benedict Cumberbatch ihr Bestes gibt. Cumberbatch spielt die Titelfigur in „Doctor Strange in the Multiverse of Madness“, das ist aber unwesentlich. Gut angezogen, frisch frisiert, nimmt er soeben in der Reihe vor der Statistin Platz. Es dürfte eine Hochzeit sein, und siehe da, es ist eine Hochzeit. Dr. Strange fühlt sich unbehaglich, egal jetzt, warum, und Cumberbatch dokumentiert das als guter Schauspieler mit dem Richten der Krawatte, irritierten Seitenblicken, einem minimalen Absenken des Kopfes, einem hauchzarten Aufeinanderpressen und Nicht-mehr-Aufeinanderpressen der Lippen, dem freudlosen Ansatz eines Lächelns, einem feinen Runzeln der Stirn.

Runzeln ist ein Wort, das mit Benedict Cumberbatch unmöglich in Übereinstimmung zu bringen ist. Streichen wir das, bitte.

Jedenfalls bietet Cumberbatch als Meister der zu hundert Prozent deutlichen Subtilität alles, was man von einem Schauspieler erwarten darf, der einen Mann spielt, der sich unwohl fühlt, aber nicht will, dass es einer merkt. Außer natürlich den sieben Millionen vor der Kinoleinwand.

Hinter ihm die Statistin, die das Gegenteil macht. Sie zeigt eine Frau, die eklatant gute Laune hat, zur Seite plaudert, einer nicht sichtbaren Person zuhört, reagiert, sich umschaut, fast direkt, nein, o Gott, ganz direkt in die Kamera schaut, rasch wieder wegschaut. Schillernde Verlegenheit ist nämlich ebenfalls im Spiel. Das Überengagement entspricht zudem der Situation, erstens bei einer Hochzeit zu sein, zweitens genau hinter Benedict Cumberbatch zu sitzen und drittens dabei gefilmt zu werden. Genau hinter Benedict Cumberbatch zu sitzen, würde übrigens ausreichen, einen halbwegs lebhaften Menschen in eine heillose Exaltation zu bringen. Ein Mimik-Duett. Er: Ich will nicht hier sein, es wird mich doch keiner bemerkt haben? Sie: Hallo, hallo, hallo, hallo, hier bin ich.

Englische Zeitungen bitten um Einsendungen, falls jemand die Frau erkennt. Ja, man würde schwören, man hätte sie schon gesehen, Namen kursierten am Wochenende, wurden verworfen.

Was lernen wir daraus? Dass der menschliche Gesichtsausdruck zum Schönsten auf der Welt gehört. Sollte es Leute geben, die die Statistin verspotten (ich fürchte, ja), so haben sie nichts davon begriffen. Ferner sind Hochzeiten an sich schrecklich, ehrlich gesagt. Noch schrecklicher ist jedoch eine ausdruckslose Miene. Damit hat die Ablenkung wieder nur halb funktioniert. Den Versuch war es wert.

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