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Hilfsspinne

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Von: Sylvia Staude

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Wolfsspinnen – hier ist es eine Netz-Wolfsspinne – können dank ihrer hydraulischen Beine 130 Prozent ihres eigenen Körpergewichts heben. Warum sollte diese Fähigkeit nicht auch posthum nutzbar zu machen sein?
Wolfsspinnen – hier ist es eine Netz-Wolfsspinne – können dank ihrer hydraulischen Beine 130 Prozent ihres eigenen Körpergewichts heben. Warum sollte diese Fähigkeit nicht auch posthum nutzbar zu machen sein? © H. Bellmann/F. Hecker/Imago

Die Zombiespinne könnte bald morgens die Pille gegen hohen Blutdruck bringen. Bei Arachnophobikern wird der Blutdruck indes weiter steigen. Die Kolumne „Times mager“.

In Berichten über einen Schachturnier-Vorfall, bei dem ein Siebenjähriger verletzt wurde, fielen Wörter wie „verunsichert“ und „überreagiert“. Gemeint war damit nicht der junge Spieler, sondern sein Gegner (Alter unbekannt, möglicherweise in der Pubertät), ein Roboter, der dem Kind einen Finger gebrochen hatte. Es hatte zu schnell gezogen, hieß es, es sei noch gar nicht drangewesen. „Es gibt bestimmte Sicherheitsregeln und das Kind hat offenbar gegen sie verstoßen“, sagte Sergej Smagin, Vizepräsident des russischen Schachverbandes. (Man ersetze „Kind“ durch „Ukraine“, dann ist man beim russischen Kriegsargument.)

Zurück zum Roboter. Wir dachten immer, eine Maschine hat keine Gefühle. Luigi (Mensch) würde rückfragen: Ananas und Anchovis, echt jetzt? Und überreagieren: Bestell deine Pizza künftig anderswo, du Geschmackskulturbanause. Pizzabot (Roboter) würde nicht einmal blinzeln, denn da er selbst keine Pizza essen darf (was gäbe das in seinem Inneren zwischen Drähten, Rädchen, Chips für eine Sauerei), hat er auch keine Meinung dazu. Mähroboter „Halm ab!“ lässt sich ja auch nicht durch etwa noch dinierende Bienen oder Hummeln verunsichern. Wie es seinem Auftrag entspricht, macht er alles blatt, äh, platt, was höher wächst als o,5 Zentimeter. Was schert es ihn, wenn wegen der Trockenheit nichts nachwächst, er kann darauf verweisen, dass der Mensch, der ihn besitzt, jedenfalls Energie spart.

Und falls durch ihn Spinnen ums Leben kommen: Man wird sie bald wiederverwenden können als Roboterchen – „billig, effektiv und biologisch abbaubar“, wie an der „Nekrospinne“ Forschende jubeln.

Wolfsspinnen zum Beispiel sind weit verbreitet und robust, können dank ihrer hydraulischen Beine 130 Prozent ihres eigenen Körpergewichts heben, sterben trotzdem irgendwann und unter anderem in Forschungseinrichtungen. Dort bringen sie zum Beispiel die Wissenschaftlerin Faye Yap auf die Idee, die hydraulischen Beine nach dem Tod der Spinne weiter zu nutzen, mittels einer Nadel und kleiner Luftstöße. Luft rein: die Beine öffnen sich. Luft raus, die Beine schließen um ein kleines Objekt.

Für alle, die keine Spinnenphobie haben, ist es zweifellos eine gute Nachricht, dass Zombiespinne bald morgens die Pille gegen hohen Blutdruck bringen wird. Für alle Arachnophobiker: Ihr Blutdruck wird weiter steigen, aber eine Pille mehr ist für Necrospider kein Problem. Und an der Verwendung anderer toter Tiere wird bereits gearbeitet.

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