Unwetter am Chiemsee
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Atemberaubendes Herrenchiemsee in der abgelaufenen Woche.

Times mager

Herrenchiem-

  • Christian Thomas
    vonChristian Thomas
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Recherchen an einem Ort, an dem die K’s sich nur so reimen, vom König über die Kanzlerin, den „Kini“ bis zum Kandidaten.

See fehlte noch, Herrenchiemsee passte aber nicht in die Zeile, oben. Kein Wunder bei den Möglichkeiten, die eine Times-mager-Überschrift lässt. Kaum Raum, keine Möglichkeiten der Ausweitung, häufig Kompromis-se – eine Kunst. Noch weniger aber ist es ein Wunder, wenn man an die Dimensionen von Herrenchiemsee denkt, nicht allein an den Umfang des Wortes, sondern an die wahren Ausmaße der Anlage.

Wer von ihr bisher keinerlei oder allenfalls vage Vorstellungen hatte, konnte in dieser Woche einen Eindruck gewinnen. Vom Prunktreppenhaus, vom ersten Vorzimmer, vom zweiten, vom Beratungszimmer, vom Spiegelsaal. Kameras als Türöffner, sanfte Stimmen als Cicerone. Klar, wie man Kamera ausspricht, aber wie Cicerone, wie C oder wie K, K wie Chiemsee? Wie auch immer, es gab atemberaubende Einblicke in ein Traumschloss, allein die Gartenfassade (jetzt wieder eine Ansicht von außen) – eine Kopie von Versailles. Das Königsschloss entstand nach dem Willen des Königs, Versailles für Ludwig XIV., die Kopie, Herrenchiemsee, für Ludwig II., den „Kini“. Wiewohl dieser mit seinem Königsschloss haderte, wenn auch aus anderen Gründen als sein Kabinett. Das königliche Anwesen – eine Kostenfalle.

Zudem ein Ort, an dem sich alles auf K zu reimen scheint. K wie König oder Kini oder Kanzlerin und Kanzleramtsanwärter. Herrenchiemsee, als Coup geplant, architektonisch ein Gedicht, mit Kriegssaal und Porzellan-Kabinett, An-Kleidezimmer und Wandver-Kleidungen. Draußen ein Kanal, drinnen 33 Kronleuchter. Die Krönung aber von allem: der Spiegelsaal – Versailles-Kopie und Kostbarkeit zumal im Schein von fast 200 Kerzen. Der Spiegelsaal im Kerzenlicht, der Kiegelsaal im Siegellicht, der Kerzensaal in Spiegelschrift, der Spiegelkaal im Liegellicht – wer kommt da nicht ins Träumen: tz, tz, pft, pittipü (so transkribiert der Comic den süßen Schlummer).

In dieser Woche wurde der Spiegelsaal erneut zur Kulisse, für das bayerische Kabinett, für die Kanzlerin und den Klein-Kini, der aus seiner Kanzlerkandidatur weiterhin ein Geheimnis macht. Wie sagte noch der König selbst: „Ein ewig’ Rätsel will ich bleiben, mir und anderen.“ Das mit den ewigen Rätseln ist allerdings auch so eine Kunst.

Atemberaubendes Herrenchiemsee in der abgelaufenen Woche. Keine Pkw, aber eine Kutsche. Sicher, es war keine Staats-Karosse, doch als die Pferde ein lustig ausstaffiertes Gefährt anzogen, Kanzlerin und Kandidat in die Kameras lächelten, ohne dass auch nur ein einziger atemberaubender Satz ausgesprochen worden wäre, da, unter den Rädern der Kutsche, knirschte es. Es war der Kies auf Herrenchiemsee.

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