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Herbst

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Von: Sylvia Staude

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Die Nächte werden länger, der Nebel liegt über den Feldern.
Die Nächte werden länger, der Nebel liegt über den Feldern. © Lino Mirgeler/dpa

Es hat geregnet, huch, und da oben liegt schon Schnee. Schon wird die Reisende melancholisch.

Oben auf den Bergen des Voralpenlandes liegt frischer Schnee. Unten liegt Nebel. Oder ist es schon Nieselregen? Jetzt klopft es leise aufs Dach. Regen also. Wie albern, den Badeanzug eingepackt zu haben, den Sonnenhut. Man spricht es laut aus, die Gastgeberin ermutigt: Es soll wieder wärmer werden, wirst sehen, der Sommer ist noch nicht vorbei.

Und schon gerät die Reisende in Versuchung, sich „schönes Wetter“ zu wünschen. Jedenfalls ein bisschen. Heimlich. Dabei hat sie noch kürzlich, an elenden, in der falschen Jahreszeit die Blätter verlierenden Bäumen und strohigen Wiesen vorbeigehend, den Wettergott, die Klimakatastrophe persönlich oder wen auch immer beschworen, dass dieser Sommer aufhören möge. Gern, so hat sie sich selbst versichert, nimmt sie stattdessen Sauwetter, Schmuddelwetter, Schietwetter. Regenmantelwetter. Aber muss das nun ausgerechnet im Urlaub ...?

Wie kann man nur so wankelmütig sein. So egoistisch. Wenn man schon nach zwei Tagen Sauwetter, Schmuddelwetter, Schietwetter nicht mehr vor allem an die Bäume, Büsche, Blumen denkt, meinetwegen auch an die Grundwasserspeicher, sondern an sich selbst und die Lust, im See baden zu gehen und danach den Bauch in die Sonne zu halten, wie soll das nur weitergehen in diesem Herbst? In diesem Winter?

In den nassen, dunklen Bäumen sitzen Krähen, krächzen in regelmäßigen Abständen und immer dreimal: kräh, kräh, kräh. Ab und zu hüpft auch eine über die pitschnasse Wiese, legt den Kopf schief, als beäuge sie – ja, was eigentlich. Die Regentropfen an den Stängeln der dürren Gräser? Die mageren Samen? Regenwürmer, die aus dem Boden kommen? (Zwischengedanke: Was haben die Regenwürmer in diesem trockenen Sommer gemacht? Wieso hat keiner an die Regenwürmer gedacht und keiner über sie berichtet?)

Und halt, blühen da schon die Herbstzeitlosen? Echt jetzt? Hätten die nicht noch etwas warten können?

Der Reisenden wird ganz melancholisch. Vom Sommer, der höchst unbefriedigend verlaufen ist, um noch das Mindeste zu sagen, scheint es nun ohne jede angemessene Vorbereitung in den tiefsten Herbst zu gehen. Das muss irgendjemandes Rache sein, aber wessen Rache? Der Erde höchstselbst, weil der Mensch ihr so dumm in die Rädchen greift, dass sie es nicht mehr reparieren kann? Und auch nicht mehr reparieren will? Findet sie, dass wir das verdient haben?

Ja, wahrscheinlich findet sie das. Es gibt Witze darüber, wie die Erde zu einem Nachbarplaneten sagt: Ich habe Menschen, aber das geht vorbei. – Wie ist die Reisende, wie ist das Times mager diesmal an diesem Schluss gelandet? Ach je. Es muss am Wetter liegen.

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