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Ein Gespräch über Bäume galt früher als weitgehend unverbindlich. Heute wäre man da vorsichtiger.

Times mager

Herbst

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Ein Gespräch über Bäume erschien Brecht offenbar einst wie der Gipfel politikferner Plauderei.

Der Sommer von heute hat nicht einmal mehr ein Loch. Schon liegt das erste Programmheft der Saison auf dem Schreibtisch. Eine Wiederaufnahme, die Texte sind also vor drei Jahren ausgewählt worden, und auch ein Ausschnitt aus Bertolt Brechts „An die Nachgeborenen“ ist dabei. „Was sind das für Zeiten, wo / Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist / Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!“

Ein Gespräch über Bäume, machen wir es kurz, erschien Brecht 1939 offenbar wie der Gipfel an politikferner, naturlyrischer Plauderei und Unverfänglichkeit. Einiges spricht dafür, dass die kleine Passage vom Dramaturgen auch nicht wegen dieses Satzes ausgesucht worden ist, sondern wegen der effektvollen Zeilen vorher (zum Beispiel die stockfinstere Wendung: „Der Lachende / Hat die furchtbare Nachricht / Nur noch nicht empfangen“).

Und noch 2016 (damals war die Premiere), so ist zu vermuten und irgendwie erinnern wir uns ja auch selbst noch daran, galt ein Gespräch über Bäume als weitgehend unverbindlich. Heute wäre man da vorsichtiger. „Hoffentlich regnet es nicht“, sagt die Bekannte, die ein Gartenfest plant, wird schamrot und entschuldigt sich. Sie habe die Ferien mit ihrer Familie in Mallorca verbracht, erzählt M., aber der Flug sei halt schon vor Monaten gebucht worden. Der Mensch ist nämlich rührend in seiner Verlegenheit und seinem Wunsch, nicht zu großen Mist zu bauen, während er gerade wieder wer weiß was anstellt. Der freundliche junge Nachbar hat sich ein riesiges Auto gekauft, mit dem er kaum durch die Hofeinfahrt kommt. Im Hof lag neulich Laub, als wäre schon Herbst. Ist bald Herbst, erklärte die Mutter dem winzigen Kind, das lachend ein Blatt in die Höhe hielt. Die beiden waren auf dem Weg zur Krabbelstube unten im Haus (früher, in einer anderen Welt war hier ein Schlecker, ein Riesenladen, in dem eine einzige Frau ganze Arbeit leistete).

Man weiß das natürlich, aber man registriert für eine Sekunde mit Wucht, dass hier ein winziges Kind den ersten sowie vielleicht schon den zweiten bewussten Sommer seines Lebens praktisch ohne Regen verbringt.

Brechts „An die Nachgeborenen“ ist also ein noch beunruhigenderer Text, als es sich der Autor hätte träumen lassen können, eine schlimme Flaschenpost. Es wird übrigens auch offenbar, dass man mehr in Programmheften lesen sollte. Programmhefte: Für Kritikerinnen und Kritiker immer eine ambivalente Angelegenheit. Aber was sind das für Zeiten, wo ein Gespräch über Programmhefte einem zumindest sonderbar vorkommt. Für einen Augenblick. Bis man dann weitermacht, wie man es gewöhnt ist.

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