+
Die wahren Heldinnen und Helden finden sich in Kliniken und Heimen, an den Regalen und Kassen der Supermärkte - das sind sich dieser Tage alle einig. Hoffentlich äußert sich die neue Wertschätzung auch nach der Krise nicht nur in Rhetorik.

Times mager

Helden in Zeiten von Corona

  • schließen

Was willst Du mal werden? – Natürlich Corona-Heldin! Oder so ähnlich. Denn es ist ein trügerisches Etikett.

Das Individuum im Home Office ist ein mehr oder weniger vereinsamtes Wesen in Jogginghosen. Sein beengtes und verlangsamtes Dasein steht ebenso wie sein verwahrlostes Äußeres in einem erschütternden Kontrast zu den glänzenden technischen Möglichkeiten, die das Individuum in einen rasenden Strudel fernmündlicher oder gar audiovisueller Kommunikationszwänge reißen.

Bei Videokonferenzen, hat das Individuum erst vor kurzem festgestellt, kann es sogar mit einem Knopfdruck die eigene Glatze so retuschieren lassen, dass sie nicht glänzt. Fortschritt!

Die Helden in Zeiten von Corona

Das Individuum im Home Office ist allerdings deshalb noch lange kein Held. Das hat den Vorteil, dass nicht auch noch die Kanzlerin anruft oder gar der Bundespräsident. „Bundespräsident Steinmeier telefoniert mit Corona-Heldinnen und -Helden“, teilte das Amt des Staatsoberhaupts vergangene Woche mit, und dann wurde absolut angemessen spezifiziert, Frank-Walter Steinmeier rede mit „Pflegern, Ärztinnen, Sozialarbeitern, Lehrerinnen, Apothekerinnen, Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen von Supermärkten und Behörden“.

Dass der Präsident speziell bei diesen Berufsgruppen anruft, erscheint, ganz im Ernst, absolut angemessen. Aber könnte es nicht sein, dass die Art, wie da der Begriff des Helden oder der Heldin gebraucht wird, eine Falle stellt? „…telefoniert mit Corona-Heldinnen und -Helden“, das klingt ein bisschen, als handele es sich inzwischen um eine Berufsbezeichnung: Und was willst Du mal werden? – Corona-Held! Oder so.

Kampf gegen das Virus

Lange Zeit ist das Wort „Held“ in unserer „postheroischen“ Gesellschaft außer Mode gewesen. Wenn es um Militärisches geht, lassen wir die Finger gleich ganz davon. Das ist auch gut so.

Aber jetzt gibt es drei Möglichkeiten: Entweder dient der Begriff in Zeiten der Pandemie einfach, mehr oder weniger unreflektiert, dem wahrlich außerordentlichen Einsatz dieser Menschen in einer akuten Krise. Oder, jetzt wird es schon unangenehmer, er wird derart inflationiert, dass er wie ein abgegriffenes Etikett wirkt, hinter dem sich die in Normalzeiten fehlende Anerkennung – und schlechte Bezahlung – verbirgt.

Oder aber, auch nicht schön: Der Held, die Heldin wird zum Bestandteil einer Rhetorik, mit der der Kampf gegen das Virus zum Krieg einer in sich geschlossenen Gemeinschaft gegen einen unsichtbaren, vermeintlich „äußeren“ Feind stilisiert wird.

Dass das die Lage nicht trifft, weiß niemand besser als die Mutigen, die an den Intensivbetten und hinter den Registrierkassen arbeiten. Ihnen ist klar: Die Gefahr steckt auch in uns selbst, in den global mobilen Körpern von Individuen und in den rasenden Routinen unserer Gesellschaft.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion