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Heißes Herz

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Von: Lisa Berins

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Ein übelriechendes Wasser-Gas-Gemisch steigt bei Monterotondo Marittimo aus der Erde. Foto:Berins
Ein übelriechendes Wasser-Gas-Gemisch steigt bei Monterotondo Marittimo aus der Erde. Foto:Berins © Berins

Der Klimawandel macht sogar vor der Toskana nicht Halt. Dort sieht es aus wie in Dante Alighieris Inferno.

Eine kleine mittelalterliche Piazza in der Toskana – es ist, als befände man sich in einer fernen Welt, weit weg von allen schlechten Nachrichten. Die einzige Bar im Ort hat ein paar Tischchen und Schirme für die zahlreichen Tourist:innen rausgestellt, man schaut auf die alte Festung und Häuser mit geschlossenen Fensterläden. Viele Menschen wohnen hier nicht mehr.

Von weitem sieht man ein altes Pärchen Kurs auf die Bar nehmen. Sie: frisch ondulierte Frisur, schmuckbehangen, große Sonnenbrille. Er: im Polohemd mit hochgestelltem Kragen, gegeltes weißgraues Haar, das in den Nacken reicht. Beide: geschätzt um die 90. „Ciao!“, ruft eine jüngere Italienerin, die am Nachbartisch sitzt. „Wie schön, dich zu sehen, meine Liebe!“ Man erfährt, dass alle einmal im Ort gelebt haben, vor langer Zeit. „Was treibt euch hierher?“ „Na ja“, sagt die 90-Jährige. „Es ist immer noch ein schönes Fleckchen Erde hier.“

Wie wahr. Nur ... Wie lange noch? Denn auch die Toskana mit ihrer märchenhaften Hügellandschaft und den von Bergspitzen aufgespießten Mittelalterstädtchen, mit den neonfarbenen Sonnenuntergängen über den Olivenhainen bleibt leider nicht von den Entwicklungen der Zeit verschont. Junge Menschen ziehen in die Städte, die Infrastruktur ist schlecht, ohne Auto ist man ohnehin aufgeschmissen. Und jetzt macht auch noch der Klimawandel den Dagebliebenen das Leben schwer. Horrende Temperaturen, kein Regen, Flüsschen ausgetrocknet bis auf ihr steiniges Bett.

Alles Gemüse sei einen Monat eher reif, sagt die Landwirtin eines Betriebs, der gleichzeitig eine Pension ist. Und ein Weinbauer erzählt, dass es nach einer monatelangen Dürre an zwei Tagen so viel geregnet hat wie sonst in einem gesamten Jahr, was die Ernte unmöglich machte. An Straßenrändern: immer wieder verkohlte Flächen – Feuer haben sich durch die Trockenheit gezündelt.

An einem Hang in der Nähe zu Monterotondo Marittimo steigen Hunderte Rauchsäulen aus der Erde auf: ein 100 Grad heißes, übelriechendes Gemisch aus Wasserdampf und Gasen, unter anderem Schwefelwasserstoff. Zwei Gestalten suchen ihren Weg hindurch. Ein Szenario wie in Dante Alighieris Hölle.

Unter ihren Fußsohlen, viel, viel näher als üblich, glühen ein Granit-Plutonit und Magma, wie es auf der Infotafel heißt. Die „geothermische Zone der Toskana“ ist das hier. Schon vor mehr als hundert Jahren wurde an diesem Fleck Erdwärme als Energiequelle genutzt. Heute im großen Stil, nachhaltig, klimafreundlich und russlandunabhängig. Lasciate ogni speranza, voi ch’entrate? Och nö, lieber Dante, so weit ist’s wirklich noch nicht. Im heißen Herz der Toskana gibt es noch Hoffnung.

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