1. Startseite
  2. Kultur
  3. Times mager

Heinz

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Lisa Berins

Kommentare

Das ist eine Liturgie. Sagt Sternekoch Gennaro Esposito.
Das ist eine Liturgie. Sagt Sternekoch Gennaro Esposito. © Michael Bihlmayer/Imago

Gemälde werden attackiert. Ein Künstler verbrennt seine Werke. Und in Italien wird um das nationale Kulturgut Pasta gestritten. Was hat das alles mit knappen Ressourcen zu tun?

Klimawandel und Ressourcenmangel verändern unseren Umgang mit Kunst und Kultur auf drastische Weise. Damit ist nicht nur der Angriff auf das Van-Gogh-Gemälde mit Heinz-Tomatensuppe gemeint. (Warum eigentlich gerade Heinz?) Vor allem die Aktion von Damien Hirst in der vergangenen Woche erscheint vor dem aktuellen Hintergrund sehr bizarr.

Der Künstler hat Tausende seiner Werke verbrannt. Neubesitzerinnen und -besitzer von Kaminöfen, die derzeit vergeblich versuchen, an Kaminholz zu kommen, müssen fassungslos in den Insta-Channel geguckt haben. Das muss man sich leisten können, schon im lauen Herbst Brennstoff im Wert von mehreren Millionen Dollar zu verfeuern – für nichts.

Gut, bei Hirst war das natürlich nicht der Rohmaterialwert, sondern der künstlerische seiner Arbeiten. Und die Aktion an sich war auch nicht für nichts, sondern Kunst an sich und angeblich der letzte, konsequente Schritt zur Entmaterialisierung der originalen Werke und Herstellung rein digitaler Kunst in Form von NFTs. Trotzdem wirkte das gerade jetzt, in einer Zeit, in der manche Menschen „es sich noch nicht mal leisten können, eine Dose Tomatensuppe zu erwärmen“, wie die Heinz-Werferin der Gruppe „Just Stop Oil“ im Video ihrer Klimaguerilla-Aktion sagt, doppelt dekadent.

In Italien geht es noch einen Zacken schärfer zur Sache (mal ganz abgesehen vom Postfaschismus, über den wir hier nicht sprechen): Das Klima- und Ressourcendilemma entfacht derzeit einen Kulturkampf von nationaler Tragweite. Es geht um eine „Cottura passiva“ der identitätsstiftenden Kulturträgerin schlechthin: der Pasta. Als der römische Physik-Nobelpreisträger Giorgio Parisi vor kurzem vorschlug, den Herd runterzudrehen, und die Teigware energiesparend, „passiv“, in siedendem Wasser mit geschlossenem Deckel zu garen, ging ein Raunen durch die Welt der Alltags- und Chefköch:innen. In der Zeitung „Corriere della Sera“ wird der Sternekoch Gennaro Esposito zitiert: Man könne die Heizung runterdrehen und einen zusätzlichen Pulli tragen. Aber Pasta zu kochen, sei eine Liturgie. Die Pasta rehydriere, wenn sie ins kochende Wasser sinkt, die „Spaghetti alla Parisi“ jedoch würden lediglich „eingeweicht“. Die Nudelmarke Barilla hat auf ihrer Internetseite dennoch schon mal eine Tabelle mit den Passiv-Garzeiten für Nudeln veröffentlicht: barilla.com/it-it/cottura-passiva.

Aus der Versuchsküche der Kulturredakteurin ist noch hinzuzufügen: Die Pasta (in diesem Fall Anelli Siciliani) kann auch schon vor dem Kochen ins kalte Wasser in den Topf gegeben werden, dadurch reduziert sich der Passivkochvorgang um ein paar Minuten. So, und dann die Restwärme nutzen und die Heinz-Tomaten unterrühren ...

Auch interessant

Kommentare