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Schlägel und Eisen stehen Kopf.

Times Mager

Heimatatlas

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Vor langer Zeit war der Westermannatlas mehr als nur ein Heimatatlas. Auch in D, der Heimatstadt.

Die Stadt aus der Vogelperspektive. D., flächenmäßig richtig groß, nach den Stadtstaaten Hamburg und Bremen sowie der Millionenstadt München die größte der Republik. Berlin zählte nicht zur Republik, Stand damals. Deutschland war 1969 geteilt. Wir schlugen die Seiten 12/13 auf. Ein halbes Jahrhundert ist das her, da darf man wohl damals sagen.

D., aus der „Vogelschau“, im Maßstab 1:75000. Zu der Zeit war auch Astronautenzeit. Der Lehrer sprach: die Amerikaner, die Nasa. Beides klang wie eine Riesensache. Irgendjemand in der Klasse sprach seinen Gedanken laut aus: Apollotime. Wir waren uns während der Pause einig: gar nicht so bad.

Aber zurück ins Inland, nach D. Heimatstadt, aus der Vogelperspektive. Die Dinge von oben betrachten, obwohl man noch gar nicht ausgewachsen war. Muss cool gewesen sein, denn sonst hätten wir nicht auch gesagt: D., gar nicht so bad. Jede Schulzeit ist die Ära der stehenden Wendungen, unsere war ebenfalls eine der nicht abreißenden Jokes, ok.

Gelegentlich wurde es auch ernst. Dann zählten wir, gebeugt über den aufgeschlagenen Atlas, die Namen der Zechen, die Namen der Brauereien auf. Dann war es nicht nur ernst, dann wurde es bitter. Denn nicht alle hatten das Jahrzehnt in der Stadt überlebt, nicht die Bergmann-Brauerei, nicht Bergwerke wie Gottessegen, Zollern, Hansemann oder Kaiserstuhl. Weitere standen, so hieß es, schwer auf der Kippe. (Die Bergmann-Brauerei ist übrigens wieder auferstanden, praktisch wie ein Phoenix.)

Schlägel und Eisen, die Symbole für ein Bergwerk, standen in unserem Atlas zum Teil bereits Kopf. Das bedeutete: „Produktion eingestellt“. 1959 war der Atlas aus dem Westermann-Verlag erstmals erschienen, die Ausgabe über D. war die erste ihrer Art in Deutschland, weitere Städteatlanten nach dem Muster des Erfolgsmodells aus D. folgten.

Bereits in den vierten Klassen von D. war der Atlas ausgegeben worden; wir schlugen ihn weiterhin im Gymnasium auf. 1969 war er zehn Jahre alt geworden. Über die Zechen in der Bergbauhochburg war die Entwicklung im Bergbau nicht nur Bergleute aufschreckend hinweggegangen. Angesichts des Steinkohlereviers von D. zeigte sich der Lehrer umsichtig. Die Lage war nicht von oben herab zu beurteilen. Dennoch, einige Standorte entsprachen nicht mehr dem Status quo. Das Wort Status quo war uns nicht fremd, war sogar ok, wir waren als Quartaner schließlich auch Lateiner.

Status quo – long time ago. Der Westermannatlas war mehr als nur ein Heimatatlas. Der Transfer zum Weltatlas, ebenfalls berühmt, fiel nicht schwer. Der Atlas war damals schon State of the art.

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