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Heimat

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Von: Christian Thomas

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Romantiker und Heimatforscher - einer von ihnen war Adalbert von Chamisso (hier auf einem Stahlstich von 1880) - sind von Heimatfanatikern menschenverachtend missbraucht worden.
Romantiker und Heimatforscher - einer von ihnen war Adalbert von Chamisso (hier auf einem Stahlstich von 1880) - sind von Heimatfanatikern menschenverachtend missbraucht worden. © Imago

Mit seinem Deutschlandbegriff führt Horst Seehofer einen kümmerlichen Heimatbegriff ins Feld. Angesichts des lauernden Heimatbegriffs der AfD verfolgt der Heimatminister eine hinterhältige Strategie.

Richtig heftig die Bemühungen während der letzten Tage, in Deutschland eine Heimat für das 21. Jahrhundert zu skizzieren. Heimtückisch dabei das Wort, der Islam gehöre nicht zu Deutschland. Was aus einer historischen Perspektive plausibel ist, ist soziologisch unhaltbar, politisch indiskutabel, kulturell und religiös diskriminierend. 

Der nagelneue Heimatminister Horst Seehofer hat erwiesenermaßen einen eigentümlichen Heimathintergrund. Der Gründungsakt des Heimatministers, kaum vereidigt, besteht in einer Spaltung der Gesellschaft – und bei dieser Form der Zurücksetzung einer Religion hat er es auch solchen Nichtgläubigen erneut schwer gemacht, die nicht so sehr an das Wort Heimat glauben. 

Zahlreich die Heimatverächter, die ein dürftiges Heimatverständnis haben. Der Minister legt ein armseliges, ein Mini-Heimatverständnis nahe, irgendetwas aus Heile-Welt-Kitsch. Doch wie groß muss die Orientierungslosigkeit sein, wenn man bei dem Wort Heimat nur an Heimatfilm denkt oder Heimattümelei. Ein solches hinterwäldlerisches Heimatversprechen hat etwas ungeheuer Demoralisierendes.

Tatsächlich ist diese Art der Heimat ein vermintes Gelände. Intensive Heimatforscher wie etwa die Romantiker sind von Heimatfanatikern menschenverachtend missbraucht worden. Heimat war nie eine nur hehre Projektionsfläche, um nicht auch schändliche Hintergedanken zu hegen.  Heimat, ein großes Wort, ein schillerndes Wort. Ein tragisch missverstandenes Wort. Ein traurig schönes Wort. Ein Trostversprechen, ein tödliches Verderben. Wer glaubt, Heimat sei ein naives Wort, gar ein unschuldiges, hält mit etwas hinter dem Berg. Heimat ist, seitdem sie sich um eine Bleibe in der Moderne bemüht hat, nicht ohne Ambivalenz zu denken. 

Wer in dem Wort allein einen Kampfbegriff erkennt, ist ganz gut beraten, denn Seehofer nutzt ihn so. Es allein darauf zu reduzieren, ist aber auch bescheiden. In einer globalen Welt spricht vieles dafür, in der Heimat ein „alternatives“ Unterkommen zu finden. Ist doch Heimat in einer Welt der Ungewissheit und Zerrissenheit, mangelnder Sicherheiten und verlorener Gewissheiten in besonderer Weise ein Alternativstandort, auch für Bräuche und Traditionen – erst recht für ein Wiederauffinden und damit auch für Anerkennung, für Aufgehobensein und Respekt. 

Mit seinem Deutschlandbegriff, mit dem, was zu Deutschland „gehört“ und was nicht zugehörig ist, hat Seehofer einen kümmerlichen Heimatbegriff ins Feld geführt. Angesichts des lauernden Heimatbegriffs der AfD, verfolgt der Heimatminister eine hinterhältige Strategie. 

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