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„Heidentürme“

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Von: Christian Thomas

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Zeugnis der Migration: Der „Heidenturm“ in  Dittelsheim.
Zeugnis der Migration: Der „Heidenturm“ in Dittelsheim. © Imago

Was stehen denn da für morgenländisch wirkende Kirchtürme im Wonnegau? In Dittelsheim, Alsheim, Guntersblum? Geschichte einer eigenwilligen Migration.

Die Gegend ist gespickt mit Dokumenten der Geschichte, durchsprenkelt seit Römerzeiten schon, die hier ihr Imperium sicherten, links vom Fluss. Auf ein solches Weltbild, den Rhein entlang, hat man sich früh geeinigt (während rechtsrheinisch die Barbaren hausten).

Dann gab es Zeiten, in denen die Gegenden, die die Römer zurückgelassen hatten, als sehr einsame und wilde Landstriche zurückblieben – doch seit dem frühen Mittelalter gingen Menschen, und die ersten Missionare waren von Haus aus Migranten, daran, dem brachliegenden Land feste Institutionen zu schenken. Unter diesen Einrichtungen waren die Kirchen und Klöster bald schon Hotspots, so auch in Rheinhessen, südlich von Mainz, nördlich von Worms, als die Christenheit daranging, allein in diesen Städten den Grundstein für zwei grandiose Dome zu legen, für zwei Kaiserdome, wie sich eines Tages herausstellen sollte.

Wollte man nur bei ihnen am Rhein verbleiben, so müsste man unbedingt auch den grandiosesten Ursprungs, den in Speyer hinzuzählen, auch er ein Werk der Romanik – und so, oberflächlich, ließe sich fortfahren. Also auch die Tatsache antippen, dass in Oppenheim mit der Katharinenkirche der bedeutendste gotische Sakralbau zwischen dem Kölner Dom und dem Straßburger Münster bewundert werden kann.

Der Fachmann staunt, der Volksmund benennt

Nun hat es allerdings ausgerechnet in dieser Gegend, einem Kernland mittelalterlicher Christenheit, eine Entwicklung gegeben, die sich kein Fachmann vollständig erklären kann, obwohl es dafür die eine oder andere Version gibt, und für die der Volksmund das Wort „Heidentürme“ geprägt hat. Auch ging wegen der orientalisch anmutenden Kuppeln das Wort „Sarazenentürme“ um. Auch Wörter sind gemeine Umtriebe.

Nun, wie kam es zu dieser Migration, weithin sichtbar, sobald man sich durch die weite Landschaft aus Weinbergen bewegt, die sich hier nicht schroff aufstaffeln und den Rhein auf Distanz säumen? Wonnegau heißt der Landstrich, in dem die morgenländisch wirkenden Kirchtürme zu finden sind, in Dittelsheim, in Alsheim und Guntersblum, nach dem Vorbild von St. Paul in Worms. Denn in der Tradition der Bauschule dort stehen die Türme definitiv, auch wenn es weitere Vermutungen gibt. So wird darüber spekuliert, dass Kreuzfahrer die Kuppeln nach dem Vorbild der Jerusalemer Grabeskirche gestalteten. Oder dass die Heimkehrer den Kirchen bewusst Türme als „Siegesbotschaften“ aufpflanzten. Wie auch immer, die eigenwillige Baukunst der Kirchen durchsprenkelt den Wonnegau als Zeugnis der Migration.

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