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Hausmittel

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Von: Sylvia Staude

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Kampf gegen den Wal und die Krankheit: Ist Moby Dick das ideale Buch gegen Fieber?
Kampf gegen den Wal und die Krankheit: Ist Moby Dick das ideale Buch gegen Fieber? © imago

Zuerst kommt der Tee, dann das Buch: Von was die Deutschen sich Heilung oder mindestens Ablenkung erhoffen.

Wissenschaftlich fundiert lässt sich jedenfalls zum nun folgenden Thema sagen – Testperson: eine –, dass die hochdosierte Anwendung von J. R. R. Tolkiens „Herr der Ringe“ gegen Mandelentzündung insofern hilft, als die Mandelentzündung garantiert vorbei ist, wenn man es geschafft hat, alle rund anderthalbtausend Seiten zu lesen. Gegen eine banale Erkältung mit Triefnase lässt sich „Winnetou III“ empfehlen, denn der Tränenfluss führt dazu, dass zwischen Schnupfen und Rührung nicht mehr unterschieden werden und man als geheilt gelten kann. Schwieriger gestaltet sich die Auswahl einer Lektüre bei Fieber. In Äquivalenz zu kalten Wadenwickeln könnte man aber an „Moby Dick“ oder „Ruf der Wildnis“ denken. Auch Expeditionsberichte zum Süd- oder Nordpol kommen in Frage.

Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels, dem wir schon andere wichtige Einsichten verdanken (zum Beispiel übers Lesen unter der Bettdecke), hat diesmal in einer repräsentativen Umfrage nach Gesundmachern gefragt und präsentiert nun stolz, ta daaa!, das Buch auf Platz zwei oder vielleicht auch drei. Er formuliert jedenfalls: „unter Menschen ab 14 Jahren sind Bücher gleich nach dem Tee am hilfreichsten, um sich bei Krankheit wohler zu fühlen, abgesehen von Medikamenten.“ 21 Prozent finden bei Krankheit Tee am nützlichsten, 17,2 Prozent ein Buch. „Kuscheln“ kommt noch auf erstaunliche 15,3 Prozent, denn dazu braucht es, sollte man meinen, mindestens zwei – und wer will sich schon anstecken?

Übrigens greifen 21,5 Prozent der Hessen bei Beschwerden zu einer „Dosis Buch“ (Börsenverein), aber nur 12 Prozent der Mecklenburger. Damit nehmen sie sich Amerikas kommenden Präsidenten zum Vorbild, der angeblich gar nicht liest; sich allerdings schon aus Prinzip für kerngesund hält. Man möchte ihn also auch nicht direkt als Tee- oder Kuschel-Typ bezeichnen.

Leider liefert der Börsenverein keine Buch-Therapeutika-Tipps mit. Wie also soll man sicher sein, dass „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ eine langwierige Zahnbehandlung begleiten kann? Oder „Don Quijote“ nach der Gallenstein-OP wieder aufhilft? Eigenen sich die „Harry Potter“-Bände als Hausmittel gegen Verstopfung (die Aufregung!) und können umgekehrt die „Buddenbrooks“ gegen Durchfall eingesetzt werden, weil sie Magen und Darm beruhigen? Senkt Adalbert Stifters „Nachsommer“ möglicherweise den Blutdruck, schließlich sprach unser Dozent einst vom „Prinzip Langeweile“? Lieber Börsenverein, Versuchsreihen müssen folgen.

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