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Der Besuch eines Opernhauses ist nicht direkt ein mystischer Vorgang. Aber seit Logenbesucher nicht mehr auf Köpfe im Parkett spucken, hat es doch etwas Weihevolles.

Times mager

Hauskonzert

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Coronakrise: Nie wieder wollen wir über die vielen Abendtermine jammern.

Der Besuch eines Opernhauses, eines Theaters oder eines Konzertsaals ist nicht direkt ein mystischer Vorgang, aber seine bescheidenen Regularien haben doch weihevolle Züge, entwickelt vornehmlich im 19. Jahrhundert. Vorher, machen wir uns nichts vor, war es nicht weihevoll, nachzulesen jüngst in Peter Schneiders Buch „Vivaldi und seine Töchter“, wo das Publikum „im Parkett einen Geräuschpegel produziert wie heute im Fußballstadion. Bengalische Feuer und Böller heizen die Stimmung an. Aus den Logen fallen faule Feigen, Orangenschalen und abgebrannte Kerzen auf das unten stehende Publikum“. Aus den Logen wird Zielspucken auf Köpfe unternommen (die Erfahrenen im Publikum tragen Hut & Kopftuch), dafür sind die Logenbesitzer neidisch auf die praktische Urinrinne, die vor der Bühne verläuft.

Nun, das alles änderte sich dann hundert Jahre später recht grundlegend. Ein wesentlicher Beitrag war, dass die Bühne schließlich heller erleuchtet wurde als der immer dunkler werdende Zuschauerraum. Dem Menschen, diesem unkonzentrierten (mannigfach aufnahmefähigen), aber auch nachtblinden Wesen, sollte nichts anderes mehr übrig bleiben, als auf das Geschehen dort vorne zu starren. Das funktionierte gut. Im Dunkel, bei Konzerten im Halbdunkel, eng beieinander zu sitzen, einen natürlich möglichst kontaktlosen Kampf um die Seitenlehne zu führen und doch so still zu sein wie möglich, ist bis heute eine Qualität und Spezialität von Theater- und Konzertbesuchen. Smartphone-Displays, deren Besitzer mit hocheffizienten Flüchen belegt werden, haben daran in deutschen Häusern nicht wirklich etwas ändern können. Zartes Schnarchen wird schon lange durch hochmoderne Ellenbogenstupser unterbunden.

Wie sind wir jetzt darauf gekommen? Beim Anschauen und Anhören von Igor Levits am 12. März gestarteten „Hauskonzerten“ kann man Kaffee trinken und in der Zeitung blättern. Aber vielleicht wäre es besser, sich so ruhig und konzentriert vor den Bildschirm zu hocken wie Levit in Socken vorm Flügel sitzt, zuerst bei sich zu Hause, dann in München. Und Beethovens „Waldstein-Sonate“ spielt (am 12.), Frederic Rzewskis „The People United Will Never Be Defeated“ (am 13., das Wort „United“ muss man wie die ganze Aktion symbolisch verstehen, und Levits Ton ist so großartig antipathetisch, dass Raum für die ironischen Seiten des Lebens bleibt) und Bachs „Große Chaconne“ in der Linke-Hand-Klavierbearbeitung von Brahms (am 14.). Gestern Abend wird es weitergegangen sein. Levit ist ein zuverlässiger Mensch, und er hat angekündigt, jeden Tag zu spielen, „solange es erforderlich ist“. Das klingt vernünftig.

Nie wieder jedoch, nie, nie wieder wollen wir über die vielen Abendtermine jammern.

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