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José F. A. Oliver ist Dichter, mehrfach preisgekrönt, 1961 in Hausach geboren als Kind andalusischer Gastarbeiter, und er hat 1998 den Leselenz gegründet.

Times mager

Beim Leselenz in Hausach wird die Weltordnung infrage gestellt

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Kultur kann zaubern, und in diesem Fall im Schwarzwald. Die Kolumne „Times mager“.

Die Schwarzwaldbahn, von Offenburg kommend, hat ihren Aufstieg ins Gebirge kaum begonnen, da erreicht sie, auf gerade 230 Meter Höhe, Hausach. Wir haben Glück: Von Hausach bis Triberg herrscht Schienenersatzverkehr, aber wir wollen nicht weiter. (Unvergessen, nebenbei, wie das Herrschen des Schienenersatzverkehrs einst auf den S-Bahnhöfen in Berlin angesagt wurde. Da zweifelte niemand mehr, dass es der Schienenersatzverkehr ist, der in der Hauptstadt herrscht.)

Hausach liegt wunderschön zwischen den ersten Schwarzwaldhügeln. Mit allen Orten und Tälern, die dazugehören, hat es 6000 Einwohner. Gestern ist in Hausach der „Leselenz“ zu Ende gegangen, und wenn Sie wenigstens kurz dort gewesen wären, Sie würden es sofort glauben: Kultur kann zaubern, José auch.

Man merkt dem kleinen Hausach die zehn Prozent für die AfD nicht an

José F. A. Oliver ist Dichter, mehrfach preisgekrönt, 1961 in Hausach geboren als Kind andalusischer Gastarbeiter, und er hat 1998 den Leselenz gegründet. 48 Autorinnen und Autoren zählte das Programm diesmal auf, an die 40 Veranstaltungen in zehn Tagen, im Rathaus, im Blumenladen, in der Pizzeria, wo auch immer, und fast alles voll, im Publikum hier der Schriftsteller, der nachher dort auftritt, und die Stimmung, man kann es nicht anders sagen, poetisch. José würde schreiben: Ganz Hausach ein W:ort.

Hausach ist klein, aber es hat viel Wirtschaft und wenig Arbeitslosigkeit, und wenn Leselenz ist, merkt man auch die zehn Prozent nicht, die 2017 die AfD mit in den Bundestag gewählt haben. José dagegen, und das ist gut so, bemerkt man immer und überall, Ein feiner, sanfter Herr, so verbindlich wie alemannisch im Ton, und wenn er ein Wort wie „Wunderfitz“ sagt (das soll, heißt es, ein neugieriger Mensch sein), ist die Welt irgendwie in Ordnung, und zwar richtig, nicht falsches Fachwerkidyll und so.

Unruhig sirrende, zugleich entspannte Freude am Experiment

Sie ist gerade deshalb in Ordnung, weil die Schreibenden und die Vorlesenden beim Leselenz meistens nichts anderes zu tun haben, als die vorgebliche Ordnung der Welt, der Worte zumindest, immer neu infrage zu stellen, zu stören und für einen Moment neu zu sortieren. Man spürt hier auf Schritt und Tritt die Atmosphäre, die durch so etwas ausgelöst wird. Eine unruhig sirrende, aber zugleich entspannte Freude am Experiment, das den Umgang mit widrigen Wirklichkeiten so unendlich viel stärker erleichtert als jedes Festhalten an irgendeiner Routine.

Ilija Trojanow hat über den Schriftstellerkollegen Oliver geschrieben: „Wäre ich ein Wort, ein Halbsatz, ein Satz, ein Absatz, und würde ich kränkeln, sagen wir an der Grippe der Sprache, der gemeinen Abgegriffenheit, ich würde mich von José Oliver behandeln lassen.“ Gute Idee.

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