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Hannover

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Von: Bernhard Honnigfort

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Unter dem Leineschloss wurden im August Knochen gefunden. Doch zu Christoph Graf von Königsmarck gehören sie nicht. Sein verschwinden bleibt rätselhaft.
Unter dem Leineschloss wurden im August Knochen gefunden. Doch zu Christoph Graf von Königsmarck gehören sie nicht. Sein verschwinden bleibt rätselhaft. © imago

Was war am 1. Juli 1694 passiert? Wohin war Christoph Graf von Königsmarck verschwunden? Keine Lösung des Rätsels, sondern ein Mysterium.

Über Hannover wird gerne gelästert: langweilig, nicht sehr schön, im Grunde Peine-West. Doch was immer übersehen wird: Im Gegensatz zu Peine, Wolfsburg oder auch Bielefeld verfügt Hannover über ein gut erhaltenes und bestens funktionierendes Mysterium. Es ist uralt und hat alle nötigen und merkwürdigen Zutaten. Es handelt von Liebe, Mord und Knochen. Und natürlich endet nichts, schon gar nicht happy. Eben ein Mysterium, unerklärlich, verschlossen, ewig.

Am 1. Juli 1694 wird der Hofkavalier, Kämpfer gegen die Türken und Oberst der Leibgarde Christoph Graf von Königsmarck in Hannover ermordet. Sagt man. Der Adelige dient Herzog Ernst-August von Braunschweig-Lüneburg und gehört zum engsten Kreis am Hof. Dummerweise hat der Mann eine Affäre mit der verheirateten Erbprinzessin Sophie Dorothea von Braunschweig-Lüneburg begonnen. Es kommt, wie es kommen muss: Beide wollen durchbrennen, sagt man, die Sache fliegt auf, sagt man, Wut und Aufruhr, sagt man. Eines Nachts kommen vier Männer, richtige Auftragsmörder, sagt man, zack, Hofkavalier tot oder was auch immer. Auf alle Fälle – und das weiß man wirklich – ist der Lover seit jener Nacht vom Erdboden verschluckt. Nie wird seine Leiche gefunden.

Nun das: Am 10. August 2016 finden Bauarbeiter am Landtag, dem Ort des alten Residenzschlosses, acht Meter tief in der Erde Knochen. Sofort denkt jeder Hannoveraner und jede Hannoveranerin: Issers? Zuerst ermittelt die Polizei, dann rücken Historiker an, schließlich bietet Elisabeth („Lisa“) Frances Ingeborg Bontoft Gadsby, geborene de St. Quentin, eine 69-jährige Krankenschwester aus Pickering in North Yorkshire, ihre Hilfe an. Sie ist eine Nachfahrin des Grafen, verehrt ihn glühend, spricht Deutsch, hat von dem Knochenfund gelesen und sofort DNA für Vergleiche bereitgestellt. Bis vor einigen Jahrzehnten besaß ihre Familie sogar das blutige Hemd des ermordeten Ahnen. Sagt man. „Es wäre wunderbar“, sagt sie, wenn er es wäre. „So könnten wir endlich Auf Wiedersehen sagen.“

Vor einigen Tagen lagen alle Ergebnisse auf einem Tisch im Landtag und eine Wissenschaftlerin der Uni Göttingen erklärte: Die Überreste stammen von fünf Menschen, die entweder älter oder jünger waren als der verschwundene Graf. Ein Schädelstück passt vom Alter her, nur stammt es von einer Frau.

Also nichts. Ein Cliffhanger, wie die Kinoexperten sagen. Der Graf bleibt verschwunden, die Sache rätselhaft, Mrs Gadsby muss ihr „Auf Wiedersehen“ verschieben.

Ein Mysterium eben. Hat nicht jede Stadt, aber Hannover hat. Von wegen Peine-West.

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