+
Hat‘s nicht leicht: Der Handschlag.

Times mager

Handschlag

  • schließen

Einander die Hand zu reichen, kam anderen Kulturen schon früher barbarisch vor.

Der Handschlag hat einen schweren Stand in diesen Tagen, die uns auf einmal als schüchterne Ellbogengesellschaft zeigen. Wer ihn mag, den Handschlag, wer ihn also mochte, war jedoch schon vorher leicht marginalisiert. Längst fielen sich doch die meisten Menschen anscheinend lieber um den Hals und gaben sich zwei bis drei Küsse auf oder neben die Wangen. Die Handschlagbefürworterinnen und -befürworter hingegen schätzten das schön austarierte – und als Kinder auch eingeübte – weder zu heftige noch zu schlappe, weder zu flüchtige noch zu ausführliche Anfassen der wildfremden Hautfläche. Vielleicht überzeugt (überzeugte) es gerade, weil es so schnell geht und doch so hochempfindliche Körperteile betrifft?

Dabei gab es schon damals keinen Grund, zu stolz auf diesen Beleg der Friedfertigkeit zu sein. Stephan Thome beschrieb in seinem Roman „Gott der Barbaren“ – der sich für Lesetage in ausgeprägter Einsamkeit durch Umfang, (scheinbare) Exotik und knallharte Aktualität übrigens bestens eignet, soeben auch als Suhrkamp-Taschenbuch, 709 Seiten, 15 Euro –, wie sich ein chinesischer Militär graust, als sich ein Europäer Mitte des 19. Jahrhunderts nach einem Gespräch verabschieden will. „Ohne Vorwarnung streckte er die rechte Hand aus, als zöge er eine Waffe. Der General zuckte zurück und musste sich an der Lehne seines Stuhls abstützen. ,Was hat er jetzt vor?‘, fragte er erschrocken. ,Nimm die Hand‘, sagte Mushun. ... Verwirrt betrachtete der General seine Hand, aber ehe er sich versah, hatte der Teufel danach gegriffen, quetschte sie kurz und ließ sie wieder los. ... Im Nebenraum standen zwei Messingschüsseln und eine gefüllte Kanne. Bevor er sie ins Wasser tauchte, roch der General an seinen Fingern. Ein säuerlicher Geruch stieg ihm in die Nase, den er abrieb, so gut er konnte. Wie sollte man solchen Wesen gestatten, hier in der Hauptstadt zu leben?“

Als „Teufel“ werden im Roman die Barbaren bezeichnet, und die Barbaren sind – falls sich jemand noch diese Frage gestellt haben sollte – die Briten, Franzosen und Deutschen, die mit diversen Interessen in China vorstellig werden. Genau, der Gott der Barbaren ist der liebe Gott. Thome bietet einen Perspektivwechsel, der in vielen Details verblüfft. Der europäische Gast des Generals spricht wacker Chinesisch, aber fehlerhaft. Er klingt wie der Idiot, für den der General ihn ohnehin hält.

Natürlich wehren wir Barbarinnen und Barbaren uns über kurz oder lang gegen solche Zuschreibungen. Beim Lesen vor anderthalb Jahren dachte man während dieser Szene allerdings auch noch: Was will er, der blasierte Kerl, es wird ihn nicht umbringen. So ändern sich die Zeiten. Aber auf den Handschlag wollen wir nachher zurückkommen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion