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Hören Sie einen Grindwal, der sich von den Verwandten verabschiedet? Oder die eigene Halsschlagader?

Times Mager

Halstöne

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Ab wann ist eigentlich Schlagader, wie viel habe ich und wie klingt das eigentlich?

Piu. Piu. Piu. Oder nein: Pchiu. Pchiu. Oder warte: Pchiuch? Am gruseligsten wäre: Piëch. Piëch. Aber das trifft es nicht. Es ist schon ganz klar ein U im hinteren Teil. Oder handelt es sich vielleicht eher um eine Art: Chuauch. Chuauch? O ja! Sollten Sie in jüngerer Zeit eine Sonografie der Halsschlagadern erlebt haben, wissen Sie, was gemeint ist. Wie das klingt. Und was man mit diesem Sound alles anstellen könnte.

Der Rhythmus des Lebens ist mit Abstand der beste Rhythmus. Chuauch. Chuauch. Ohne Abstand auch. Chuauch. Aber dass er sich so anhört, wer hätte das geahnt? Die Medizinerin, die die Sonde über die Arteria carotis communis führt – die hat das geahnt. Die hat das sogar gewusst. Chuauch. Chuauch.

Das Regelmäßige ist das Gute. Der fauchende Ausklang am Ende der Systole ist das Beängstigende. Laien können es im Internet auf dem gängigen Videoportal hören und sehen, und in den Drunterkommentaren lässt sich lesen, was den User Neuhäusel82 umtreibt: „Ab wann ist schlagader ich hab 0,08mm?“ Es ist das, was uns alle beschäftigt, eventuell hätten wir es anders formuliert, aber im Prinzip, ja sicher: Ab wann ist eigentlich Schlagader, und wie viel habe ich?

Literarisch-klanglich würde etwas Gruseliges mit Sturm und Drama gut dazu passen. Der Schimmelreiter, unbedingt. „Eine furchtbare Böe kam brüllend vom Meer herüber, und ihr entgegen stürmten Ross und Reiter den schmalen Akt zum Deich hinan. Chuauch!“ Filmisch wäre es am ehesten: Das Boot. Echolot. „Anblasen! Vorne hinten fünf! Oben unten drei! Piu!“ Aber da fehlt eben in der Tiefe das Rauschen. Da fehlt der Grusel. Das Chuauch.

Musiker experimentieren seit hundert Jahren herum, Astronauten schießen durch die Endlosigkeit, du hörst die phänomenalsten Geräusche, und dann hast du plötzlich das Pochen und Rauschen, das Chuauchen deiner eigenen höchstpersönlichen Arteria carotis communis im Ohr und bist komplett verdattert, total fasziniert. Frau Doktor hätte dir erzählen können: Hier hören Sie nun, wie ein Grindwal sich übers Wochenende von Onkeln und Tanten verabschiedet, du hättest es geglaubt, aber es ist deine eigene Halsschlagader. Chuauch.

Der Ausklang am Ende, ist er nun ein gefährliches Geflatter der Klappe, muss man Sorge haben; zweitens: Kann man dem musikalischen Versuchskaninchen bitte eine Tonspur mit seinen Halsherztönen einpacken, zum Mitnehmen? Aber nein, klingt gut, sagt die Medizinerin zur ersten Frage, und zur zweiten: leider nicht. Wenn man ehrlich ist, geht das in diesen Zeiten als gute Nachricht völlig in Ordnung. Den Rhythmus aus eigener Herstellung kann man ja bei anderer Gelegenheit einfangen, aber Hauptsache: Allen ein gutes Herz.

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