Ein Relikt aus alten Zeiten.
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Ein Relikt aus alten Zeiten.

Times mager

Hallo

  • Thomas Stillbauer
    vonThomas Stillbauer
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Vorige Woche wurden, na so was, Telefonbücher ausgeliefert. Ja, es gibt sie noch.

Herr P. nahm den Hörer ab. Obwohl man da nicht sicher sein konnte heutzutage. Vielleicht nahm er den Hörer auf, der irgendwo gelegen hatte. Vielleicht zog er ihn aus der Hosentasche. Dann hätte er ihn herausgenommen. Und nicht ab.

Früher hatte man gewusst, ob jemand den Hörer abnahm. Sagte früher wer hallo, und man hörte ihn oder sie, dann war der Hörer abgenommen worden. Er oder sie besaß dann auch ein Telefonbuch. Darum ging es hier ja.

Hallo, sagte Herr P. Guten Tag, Herr P., sagte der Anrufer, entschuldigen Sie, wenn ich störe. Ja, sagte Herr P. Ob er eine Minute Zeit habe, fragte der Anrufer. Komme darauf an, sagte Herr P. Worum es denn gehe.

Die Sache sei so, sagte der Anrufer, im Internet gebe es gerade eine neue Kapriole: Alle müssten Seite 56 des nächstbesten Buchs aufschlagen und den fünften Satz zitieren. Ach, sagte Herr P.

Nun seien vorige Woche überraschend Telefonbücher ausgeliefert worden, Telefonbücher!, sagte der Anrufer. Dass es die noch gebe! Dass da überhaupt noch jemand drinstehe! Wer stehe denn heutzutage noch im Telefonbuch? Nicht viele, sagte Herr P.

Ganz richtig, sagte der Anrufer, drum rufe er an. Er stehe aber nicht auf Seite 56, sagte Herr P., dem längst einiges klar, aber auch manches unklar war. Ja, sagte der Anrufer, das wäre ein dünnes Telefonbuch, in dem der Buchstabe P schon auf Seite 56 käme, nein, er habe extra eine völlig andere Seite ausgesucht, damit das Internet nicht dahinterkäme, wen er konkret anrufe. Das Internet habe nämlich, als es sich darüber mokierte, dass es immer noch Telefonbücher gab, für witzig befunden: jemanden anzurufen, der auf Seite 56 stand. So, sagte Herr P.

Kurzum, sagte der Anrufer, ihn, also eigentlich alle, würde interessieren: Warum stehen Sie noch im Telefonbuch, Herr P., wenn auch nicht auf Seite 56?

Wer jemanden anrufen wolle, antwortete Herr P., der müsse die Nummer wissen. Die sei im Telefonbuch zu finden. Praktische Sache. Doch sei er nicht jener Herr P., der im Telefonbuch stehe, sagte Herr P., sondern sein Enkel. Als jener Herr P., der immer noch im Telefonbuch stehe, vor 26 Jahren gestorben sei, habe die Ehefrau des verzeichneten Herrn P. den Eintrag nicht herausnehmen lassen aus dem Buch, in dem ihr Mann weiterlebte, als sei nichts Endgültiges geschehen. Und als dann viel später seine Großmutter gestorben sei, sagte der junge Herr P., habe er es ebenso gehalten. Er kenne das Telefonbuch, seit er auf der Welt sei, nur mit dieser Telefonnummer und dieser Adresse seiner Großeltern, und das hätte er gern weiterhin so.

Der Anrufer wünschte Herrn P. noch einen schönen Tag, einen besonders schönen Tag, und das Internet würde diesmal nichts zu lachen haben, im Gegenteil.

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