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Der Headington-Hai möbelt die englische Reihenhaussiedlung auf.

Times mager

Der Hai auf dem Dach

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Was passiert, wenn ein Bildhauer ein typisch englisches Reihenhaus aufmöbeln soll.

Headington, so weiß es Wikipedia, ist ein Vorort von Oxford. Die Stadt liegt rechts und links von der Straße, die Oxford direkt mit London verbindet. Und es gäbe über Headington nicht viel mehr zu sagen – außer, dass Oxford United bis 2001 Headington United F.C. hieß, weil dort das Stadion lag -, wenn nicht im Jahr 1986 der frischgebackene Hausbesitzer Bill Heine, Journalist und Geschäftsmann, beschlossen hätte, mit seiner Neuerwerbung ein Zeichen zu setzen. Seinen Freund John Buckley, einen Bildhauer, soll er in Bezug auf das typisch englische Reihenhaus gefragt haben: „Kannst du es ein bisschen aufmöbeln?“

Buckley konnte. Nun, da Heine gestorben ist, wurde der Künstler im „Guardian“ mit den Worten zitiert: „Der Kran hat ihn pfeilgerade fallen gelassen und er ist herrlich reingerutscht, gerade als der Briefträger vorbeiging“. Er? Headingtons unbestritten immer noch größte Sehenswürdigkeit, der Headington-Hai.

Der große graue Hai steckt kopfüber im Klinkerhausdach. Er sieht ziemlich spektakulär und ziemlich echt aus, als könne er noch mit den Flossen winken. Und das Times mager würde wetten, dass nicht nur der Briefträger sich im Moment der Hai-Landung erschrak, dass womöglich in den folgenden Jahrzehnten manch argloser Autofahrer gegen einen Hydranten oder in einen der Mini-Vorgärten fuhr.

Sechs Jahre lang soll sich Bill Heine mit der Stadtverwaltung und anderen Behörden über die Skulptur gestritten haben, die er auch als ein Statement gegen den Krieg aufgefasst haben wollte – damals war es gerade der gegen Libyen. Zahlreiche Headingtoner Bürger unterstützten ihn auf öffentlichen Versammlungen, Kunstkritiker und Museumsleute unterstützten ihn. 1992 fasste ein Gutachter zusammen: „Es kann nicht bestritten werden, dass der Hai nicht mit seiner Umgebung harmoniert, aber er soll auch nicht mit ihr harmonieren.“

Weiter schrieb der Gutachter: „Der Stadtrat ist verständlicherweise besorgt (…), dass Haie (und wer weiß was noch) überall in der Stadt durch Dächer brechen könnten. Diese Angst ist übertrieben.“

Niemand in Headington und über Headington hinaus ahnte damals auch nur, dass ein ganz anderes Monster reinrutschen würde durchs Dach, das die Briten selbst ihm weit geöffnet hätten. Und dass man sich im April 2019 in Headington und über Headington hinaus zurücksehnen könnte in die Tage eines englischen Exzentrikertums, das niemandem wehtut und keinen Schaden anrichtet.

Aber da steckt es nun, das Monster und kein Kran war bisher groß genug, es wieder rauszuziehen.

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