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Unter den 15 meistgegoogelten Fragen 2017 war "Wie mache ich Frikadellen?" platziert. Nicht etwa "Wie mache ich Hackhuller?"

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Hackhuller

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Frikadelle, Fleischküchle, Bulette ... Aber wo kauft man sie am besten ein?

Die Dekonstruktion eines Rind- oder Borstenviechs zum Zwecke des Verzehrs ist heute gesellschaftlich nicht mehr in demselben Maße akzeptiert wie noch vor, sagen wir, zwei Millionen Jahren. Damals schon hätte man für eine Frikadelle gemordet, war jedoch nicht in der Lage, sie adäquat herzustellen, vor allem in Ermangelung von mindestens drei Tage alten Brötchen. Zudem gebrach es an Fleischwölfen.

Da sind wir heute weiter. Im rheinland-pfälzischen Rheinböllen hat man die Technik der Frikadellenproduktion so weit verfeinert, dass praktisch nichts als die ehemals glückliche Kuh nebst Gewürz darin vorkommt – nein, vorkam, muss man leider sagen. Denn die Maßstäbe setzende Rheinböller Frikadelle der Familienmetzgerei K., sie ist nicht mehr. Es endet somit auch eine junge, aber doch längst liebgewonnene Frankfurter Tradition des Verrückte-Umwege-Machens, Frikadellen-heißhungrig-im-Forst-Verzehrens und des Vorräte-in-der-Kühltruhe-Hortens.

Ein Hamburger Nachrichtenmagazin (kein Hamburger-Nachrichtenmagazin) veröffentlichte unlängst eine Deutschlandkarte, die Aufschluss darüber gab, wie man zerkleinertes und wieder zusammengefügtes Tier wo nennt. Der Grafik zufolge liegen wir hier, am Ort des Schreibens, hart an der Schwelle zum Fleischküchle, rein optisch eventuell sogar schon knapp drüber. Davon kann aber keine Rede sein. Man sagt hier Frikadelle mit Inbrunst und weiß freilich, dass man anderswo Fleischküchle sagt (Südwesten), Bulette (Nordosten und verblüffenderweise Luxemburg), Fleischpflanzerl, Fleischloaberl (Süden), sogar Hackhuller (Thüringen) und Grilletta (der „DDR-Burger“).

Da der Begriff aus Italien stammt (fritatella – Gebratenes) und offenbar im germanischen Kindermund umgeformt wurde, steht aber felsenfest, dass es nur eine wahre Bezeichnung gibt. Als Beweis mag dienen: Unter den 15 meistgegoogelten Fragen 2017 war „Wie mache ich Frikadellen?“ platziert. Nicht etwa „Wie mache ich Hackhuller?“

Zu den tragischsten Ereignissen im Leben eines Menschen gehört es, wenn a) seine bevorzugte Jeans nicht mehr passt und/oder nicht mehr produziert wird, was übrigens ständig geschieht, ohne endlich angemessen geprangert zu werden, und wenn b) seine Lieblingsfrikadelle aufhört zu existieren. Das geschah einst im Frankfurter Stadtteil G., wo man wenigstens konsequent war und das Ladenlokal der Metzgerei in eine Tierarztpraxis umwandelte. Und es geschieht jetzt wieder. In Rheinböllen. Die Familienmetzgerei K. reagierte noch nicht einmal auf die per E-Mail notfallartig geäußerte Bitte, das Rezept zu übermitteln. Wo soll das nur alles hinführen.

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