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Natürlich war es (trotz der Zäsur durch Hegels historische Perspektive) kein Cliffhanger, er wurde ja nicht bewusst gesetzt.

Times mager

Habermas und der Cliffhanger 

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Bei Feueralarm wird der Mensch panisch - Jürgen Habermas wundert sich lediglich. Zu tief steckt er im philosophischen Diskurs der Moderne. „Times mager“ - die Feuilleton-Kolumne der FR.

Wie weiter? Unvorhergesehene Umstände unterbrachen den Vortragenden, eine schrille Sirene, die viele Zuhörende zusammenzucken ließ, den 90 Jahre alten Jürgen Habermas eher verwunderte. Ein Feueralarm trieb die Menschen aus dem Vorlesungsgebäude vor die Türen (FR v. 21.6.). Wo war Habermas bei seinem Vortrag über das „Verhältnis von Moralität und Sittlichkeit“ unterbrochen worden? Richtig, bei Hegels philosophischer Position.

Sein Vortrag in Frankfurt, vor 3000 Menschen in fünf Hörsälen auf dem Campus Westend, war auch so etwas wie eine Rekonstruktion der Auftaktvorlesung über den „Philosophischen Diskurs der Moderne“, 1982. Ein hochambitioniertes Anliegen, strapaziös auch – die richtige Brille ist nicht sofort gefunden. Die eine Hand streicht das Manuskript erneut glatt. Habermas unterstreicht die Herausforderungen an die Moralität mit seiner rechten. Er betont die Erkenntnis, dass Hegel gegenüber Kant den schärferen Blick gehabt habe, mit dem zusammengeführten Daumen und Zeigefinger der linken. Die Emphase für den Kants Autonomiebegriff wird dadurch unterstützt, indem er die linke Schulter leicht vorbeugt. Der Körper des Philosophen beglaubigt den Einsatz seines Denkens.

Kaum haben die Zuhörenden den letzten Gedanken formatiert, ist auch schon der folgende formuliert – etwa der Wechsel der Perspektive bei Hegel, der, im Unterschied zu Kant, die Rolle des historischen Beobachters eingenommen habe. Kaum ist der Gedanke ausgesprochen, fährt eine automatische Ansage dazwischen: Bitte verlassen Sie das Gebäude.

Wollte man kalauern, könnte man von einem Cliffhanger sprechen. Aber natürlich war es (trotz der Zäsur durch Hegels historische Perspektive) kein Cliffhanger, er wurde ja nicht bewusst gesetzt. Die pure Kontingenz! Man könnte von einem bösen Schock sprechen, womöglich infolge einer üblen Provokation. Kalauernd ließe sich an einen surrealen Chock denken, im Kontinuum einer Gegenwart, mit der der Vortragende auch an diesem Abend nicht seinen Friedensschluss macht. Keine Versöhnung.

Wie weiter? Gelegentlich sogar lächelnd. Auch führt Habermas kurz die Hände zusammen, als er sagt, dass Kant, trotz allem, gegenüber Hegel recht behalten habe. Er legt die Hände auf sein Manuskript, streicht es glatt, er stützt sich ganz kurz auf die Blätter, sie waren eine Stütze.

Wie weiter? Abschließend so etwas wie ein Appell an den moralisch-sittlichen Gestaltungswillen der Intelligenz. Man könnte den Alarm metaphorisch verstehen.

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