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Gym

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Von: Stephan Hebel

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Müssen sich schon Babys trimmen?
Müssen sich schon Babys trimmen? © Imago

Müssen sich schon Babys heutzutage trimmen? Von Baby-Activity und anderem Unsinn.

Der Familie war erfreulicherweise ein Kind hinzugefügt worden, das von der Verwandtschaft vorsichtig begutachtet werden durfte. Der Säugling entwickelte sich vorschriftsgemäß, so dass er (in Wirklichkeit eine Sie, aber gendern Sie mal „Säugling“, und „die Saugende“ klingt irgendwie nicht) … so dass also das Baby im Alter von etwa zehn Wochen eine stetig wachsende Aufmerksamkeit für Gegenstände in seiner nahen Umgebung ausbildete, ganz so, wie die Natur und die Ratgeber-Literatur es vorgesehen haben.

Das Kind war mit Eltern gesegnet, die es mit einer ebenso großen wie entspannten Liebe umsorgten. Die Ratgeber:innen-Literatur nahm das Paar zwar zur Kenntnis, aber gerade nur so ernst, dass die spontane Zuwendung nicht unter Gebrauchsanweisungen aller Art verschütt ging, wie man früher sagte.

Beim Besichtigungstermin legte das Kind eine gewisse Unruhe an den Tag, der es durch leicht abgehackte Bewegungen der Ärmchen Ausdruck verlieh, so als orientierte es sich am Zucken der Tanzenden unterm Disco-Stroboskop. Das wirkte, so viel Kritik muss sein, etwas unkoordiniert, allerdings exakt altersgemäß, denn, so lesen wir im Fachportal „RTL news“ über Babys im hier vorliegenden Alter: „Zwar wird das Greifen noch nicht funktionieren, aber die Freude am Betrachten ist bei vielen Säuglingen schon vorhanden.“

Die Kleine, so erläuterte nun plötzlich die Mutter, „war heute noch gar nicht im Gym“.

Natürlich jagte diese Bemerkung den besuchenden Großeltern einen gehörigen, wenn auch nun wieder ihrem hohen Alter gemäßen Schrecken ein. Werden die Acht- bis Zehnwöchigen heute bereits in eine Art Turnhalle verschleppt, wie sich das „Gym“ im Großeltern-Deutsch nennt? Stehen an geheimen Orten winzige Streckbetten, Zehn-Gramm-Hanteln und fahrradähnliche Miniaturen bereit, um die Babys noch vor dem Chinesischkurs für Stillkinder auf körperliche Fitness zu trimmen?

Das waren schreckliche Fantasien, die sich aber zum Glück rasch an der souveränen Entspanntheit der jungen Eltern brachen. „Baby Gym!“, strahlte die Kindsmutter, die die düsteren Gedanken der Älteren gelesen hatte, und zeigte auf ein am Boden über einer Babydecke aufragendes Gestell mit lustigen, bunten Dingen zum Anschauen und (vorgesehen ab drei Monaten!) dann auch Greifen.

Sie fügte zur Beruhigung der Großeltern hinzu, dass auch sie den Ausdruck „Baby Gym“ für ausgemachten Schwachsinn halte, und gerne könne man sich auf den gebräuchlicheren Namen „Spielbogen“ einigen. „Baby-Acitivity-Decke“ wurde dagegen generationenübergreifend verworfen. „GXC35 Rainforest Erlebnisdecke“ erst recht.

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