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Grottig

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Von: Bernhard Honnigfort

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Grottenbeste unter den grottenguten Grotten: die Rübeländer Hermannshöhle im Harz bei Wernigerode. (Archivbild)
Grottenbeste unter den grottenguten Grotten: die Rübeländer Hermannshöhle im Harz bei Wernigerode. (Archivbild) © imago/United Archives

Eine dringend nötige Klarstellung: Nicht alles, was „grottig“ ist, ist auch „grottenschlecht“. Irgendwann geriet die Grotte in Verruf. Das ist unbegreiflich.

Über Emden und seine Bewohner kann man sagen, was man will. Nur nicht, dass es den Leuten an Klarheit im Kopf und Eindeutigkeit im zwischenmenschlichen Umgang fehlt. Es ist so. Menschen, die seit Jahrhunderten mit dem Meer ringen, neigen nicht zu Schnickschnack.

Wie sehr der Emder Mensch eindeutige Ausdrucksformen einer schwammigen bis falschen Höflichkeit vorzieht, erfuhren gerade drei Schauspieler der Landesbühne Nord aus Wilhelmshaven, die ein Musical namens „Fletsch“ in Emden aufführten. In „Fletsch“ verwandelt sich der Büroangestellte Stanley in einen Werwolf und gewinnt dadurch für Sekretärin Daisy an Anziehungskraft. Oder so ähnlich. In der Ankündigung hieß es, das klamaukige Trash-Stück „persifliert bestehende Musicals und bekannte Melodien, um mit Ironie, Charme und skurrilen Liedtexten einen ganz eigenen Charakter zu entwickeln“. Außerdem gebe es eine Pause.

Die einzigen Grottenolme in Deutschland

Das Emder Publikum verstand vor allem Trash und handelte bei nächster Gelegenheit. In der Pause machten sich 49 der 60 Zuschauer aus dem Staub. Elf harrten aus. Das Stück sei „grottig“ gewesen, hieß es danach. Wer wollte, bekam sein Geld zurück. Die „Emder Zeitung“ fand: ein „Debakel“. Nun soll das Werk repariert und umgearbeitet werden. Weniger Trash? Auf Plattdeutsch? Wer weiß, im Dezember wird man sehen: Dann ist „Fletsch“ in Papenburg, wo Menschen wohnen, die ähnlich veranlagt sind wie Emder.

Hier nun eine dringend nötige Klarstellung: Nicht alles, was „grottig“ ist, ist auch „grottenschlecht“. Irgendwann vor ungefähr 20 Jahren geriet die Grotte als solche in Verruf. Das ist unbegreiflich, weil es grottengute Grotten gibt. Die grottenbeste ist wohl die Rübeländer Hermannshöhle im Harz bei Wernigerode. Dort leben sogar echte Grottenolme, was sensationell ist, weil es die einzigen in Deutschland sind. Sie sind nicht gerade schön, aber immerhin persiflieren sie nichts und kommen auch nicht mit Ironie oder Charme daher. Sie sind bleich und stumm, aber gut und gerne 60 Jahre alt und älter. In den 30er und 50er Jahren siedelte man Grottenolme dort in der dunklen Höhle in einem Grottensee an. Nun sind sie halt da.

Was die grottige Hermannnshöhle vom grottigen Musical „Fletsch“ unterscheidet: In Emden kamen 60 Zuschauer, elf hielten durch. Die Hermannshöhle besuchen jährlich etwa 73 600 Grottenfreunde, 201 pro Tag. Es ist nicht bekannt, dass jemals auch nur ein Besucher sein Geld zurückverlangte oder den Rundgang abbrach mit der Begründung, die Höhle sei jawohl „grottig“. Nicht einer und schon gar nicht 49.

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