+
Riesengruselclownskopf: „Rigoletto“ auf der Seebühne in Bregenz.

Times mager

Große Oper

  • schließen

Während die Friseurkundinnen über große Oper sprachen, erklärt der Friseurkunde, dass alles Gold aus dem Weltraum gekommen sei. Den Spaß, ob es nicht vielmehr aus dem Rhein stamme, verstand er nicht. Die Feuilleton-Kolumne.

Obwohl es beim Friseur vor allem um Gold aus dem Weltraum ging, kam die Sprache auch auf große Opernabende. Immer wieder einmal wird unter Friseurkundinnen über große Opernabende gesprochen, sagen wir: Über die angemessene Garderobe für große Opernabende. Das klingt gemeiner, als es ist, es klingt nämlich so, als würden sich Friseurkundinnen bei Gesprächen über Musiktheater ausschließlich für Kleiderfragen interessieren. Das stimmt ausdrücklich nicht. Außerdem vergisst man außerhalb des Salons sofort wieder, dass fast jeder Mensch in Deutschland mit bestimmten, nicht allein selbstgewählten Abständen zur Friseurkundin wird. Oder zum Friseurkunden, natürlich. Dazu unten mehr.

Am Sonntagabend im ZDF dann ebenfalls große Oper, Sommerversion. Im Heute-Journal gab es einen Bildbericht über das bevorstehende „Rigoletto“-Spektakel auf der Seebühne von Bregenz. Gilda sang aus der herumwabbelnden Gondel eines Heißluftballons herunter. Der Bühnen-Riesengruselclownskopf bewegte sich im Rhythmus der Musik. Krass. Der Autor des Berichts wusste aber auch sonst schon alles und erklärte, es gebe geniale Ideen, aber zu viel Spektakel. Da würde ich mich als Bregenzer Festspiele vor der Premiere sehr, sehr ärgern. Als frisch frisierte Opernfreundin hingegen blieb man schlapp auf dem Sofa liegen und schaute sich die Höhepunkte von „Il trovatore“ aus der Arena von Verona an, mit Anna Netrebko und ihrem Mann.

„Il trovatore“ aus der Arena von Verona, eine späte Inszenierung des inzwischen verstorbenen Franco Zeffirelli, ist im Fernsehen gewissermaßen ein Irrsinn. Man sieht Sängerinnen und Sänger aus der Nähe, denen niemand sagen musste, wie genau sie schauen sollen, denn normalerweise sind hier alle enorm weit weg. Also schauen die Sängerinnen und Sänger, wie man als Sängerin oder Sänger schaut, wenn man verzweifelt, wütend, selig ist. Die Choristen schauen gelegentlich auch so, als würden sie kurz an etwas anderes denken. Das ist nicht so gut. Lunas Mannen sind haargenau wie Opernsoldaten gekleidet, Azucenas Leute haargenau wie Opernzigeuner. Große Oper birgt stets ihre Karikatur in sich, aber selten treibt sie es so weit, dass man sich jetzt sofort den Auftritt eines Beamten mit Aktentasche oder eines Terroristen mit Theaterhandgranate wünscht. Stattdessen traben Anna Netrebko und ihr Mann auf weißen Pferden umsichtig davon.

Anna Netrebkos Stimme: ein Traum. Im Salon hätte es womöglich auch Kritik gegeben. Zu Details fehlt hier aber der Platz. Denn während die Friseurkundinnen über große Oper sprachen, erklärte der Friseurkunde, dass alles Gold aus dem Weltraum gekommen sei. Den Spaß, ob es nicht vielmehr aus dem Rhein stamme, verstand er nicht. Die Salonchefin: ein Musterbeispiel an geduldigem aktiven Zuhören.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion