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Die Dortmunder Zeche Hansa 1975.

Times mager

Gräber seit 69

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Steht die Republik vor einem weiteren runden Jubiläum? Vor 50 Jahre spitzte sich die Bergbaukrise zu.

Die Revolte von 68, am heutigen Montag noch einmal 50 Jahre her, ist am Bergbau fast ohne Nachwirkungen vorübergezogen. Die 68er haben sich für den Bergarbeiter kaum interessiert, auch wenn die Linke, Marxisten oder Leninanhänger die Bergbaukrise mit den unabwägbaren Konjunkturabläufen des Spätkapitalismus zu erklären wussten.

Bereits rund ein Jahrzehnt vor 68 hatten Bergmänner die roten und schwarzen Fahnen allerdings selbst in die Hand genommen, und die schwarzen nicht aus anarchistischen Motiven. Die roten Fahnen klassenbewusster Bergarbeiter wehten in Bonn, weil Bonn die Bundeshauptstadt war. Sie wehten klassenbewusst in Bochum, weil Bochum ein Hauptschauplatz der Krise geworden war. Bochums Oberbürgermeister erklärte seine Stadt zum „wirtschaftlichen Notstandsgebiet“. Kopfschütteln, Verärgerung, Missbilligung darüber nicht so sehr im Revier, aber vom Rest der Republik wieder mal eine deutliche Abfuhr. Sollte der Kohlenpott doch bleiben, wo er war. War er ja auch geografisch, klar, aber auch habituell blieb die Republik auf Distanz. An der Bewältigung dieser Krise sich nur ja nicht die Finger schmutzig machen. Der Kalauer auf Kosten der Kohle mochte schal sein, aber er ging trotzdem um.

Zehn Jahre später der nächste Höhepunkt einer auf- und absteigenden Konjunktur der Steinkohle, einer sich jedes Mal stärker aufschaukelnden Krise. 1958 hatte der Kölner Heinrich Böll eine große Reportage über das Ruhrgebiet geschrieben, 1961 hatte sich in Dortmund die Gruppe 61 gegründet, eine Autorenvereinigung, die die Erfahrungen aus der industriellen Arbeitswelt literaturfähig machen wollte – literaturwürdig, wie schon einmal, in den 20er Jahren. „Brennende Ruhr!“ Ende der 60er Jahre erschien eines der wohl einflussreichsten Dokumente des neuen Schreibens, Erika Runges „Bottroper Protokolle“. Das Buch, tatsächlich 1968 veröffentlicht als eine Verschriftlichung authentischen Sprechens, wurde maßstabbildend, rasch auch germanistischer Seminarstoff. Also, ich sag‘ einfach mal …

Wenn an dieser Stelle jetzt zum Jahreswechsel auch ein Feuilletonautor ins Spiel kommt, ausgerechnet ein sehr konservativer, dann weil dieser Horst Krüger Folgendes 1969 schrieb: „Welch ein Revier der Paradoxe! Nirgendwo kann man den unmenschlichen und ausbeuterischen Charakter des Hochkapitalismus so erschreckend studieren wie hier. Welch eine Orgie von Brutalität: (…) die Sonne ist abgeschafft und die Erde Tausende Meter tief ausgeschabt. (…) Bergschäden. Wie man Natur doch zerstampfen, zerstören und dann wegwerfen kann.“

Eine ökologische Protestnote vor einem halben Jahrhundert. Wir gehen 2019 auf ein weiteres großes Jubiläum zu, ein rundes.

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