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„Können Sie mir bitte einmal den Warentrenner reichen?“

Times mager

Über sprachliches Stressniveau

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Noch ein paar Tage nach Klagenfurt ist das sprachliche Stressniveau relativ hoch. Aber das wird sich wieder geben. Die FR-Kolumne „Times mager“.

Wenn man aus Klagenfurt zurückkommt, also noch für zwei, drei Tage jedes Wort auf die Goldwaage legt und fürchterliche Angst hat, etwas falsch zu machen – kann man Wörter überhaupt auf die Goldwaage legen? –, schaut man sich vielleicht zur Ablenkung einen Krimi an. Man schaut sich sogar garantiert zur Ablenkung einen Krimi an, denn das Wort „vielleicht“ lässt die Goldwaage nach oben schwuppen, nein, nach unten, jedenfalls ist es absolut nicht gut, das Wort „vielleicht“ zu verwenden, wie wir jetzt zum wiederholten Male um die Ohren gehauen bekommen haben. Im Krimi heißt es nun aber auf einmal (alle sind bedrückt, die sympathische Ermittlerin will die Situation zu Recht auflockern): „Wo haben Sie denn Ihren Filterhalter?“

„Wo haben Sie denn Ihren Filterhalter?“ bewegt sich in etwa auf dem beeindruckenden Niveau von: „Können Sie mir bitte einmal den Warentrenner reichen?“ und „Hoppla, meine Ferrule ist abgefallen, wie ärgerlich!“. Es wird einem sofort klar, dass man auf diesem Niveau das Wort „Dings“ nicht mehr benötigt, dass man damit in Klagenfurt einen gewissen Erfolg für originelle Fachsprache einheimsen, zugleich aber wegen mangelnder Dialogfähigkeit schlimm durchfallen würde. Auch bliebe in einer Welt, in der jeder das richtige Wort für alles wüsste, kein Anlass mehr für jene schönen und über die Maßen menschlichen Blickkontakte, mit denen zwei Unkundige in einer Kassenschlange, einer fremden Küche oder einer Volkshochschulmalklasse stumm den Weg zum Gegenstand nehmen können. Wann ist der Mensch überhaupt mehr Mensch als in dem Moment, in dem er ein Wort nicht weiß und gemeinsam mit einem anderen Menschen eine Lösung dafür sucht und findet. Hingucken, hinzeigen, dumm rumlachen. Dummes Rumlachen, es kann einem fehlen, wenn immer alle über alles Bescheid wissen.

Zwei kleine Jungen, die wie so viele auch weit ältere Menschen nicht begriffen, dass jeder sie hören konnte, bemühten sich darum, das Lied „Wunderwelt“ zu singen (sonst singt das ein Mädchen namens Theresa Tschiggerl). „Herzen können brechen“ war kein Problem, „Karten können stechen“ kam hingegen nicht ein einziges Mal glatt über die Lippen der Knaben. „Karten können stechen“, ja, es ist unbegreiflich.

Tschiggerl (eine Österreicherin) ist ihrerseits 05 geboren, und mit Terézia Moras im September erscheinendem Roman „Auf dem Seil“ könnten wir jetzt scherzend fragen: „Fünf, ist das eine Jahreszahl?“ Terézia Mora hat 1999 den Ingeborg-Bachmann-Preis gewonnen. Sie hat immer die richtigen Worte. Na ja, so ergibt sich jedenfalls eins aus dem anderen.

Vielleicht ist man aber bald wieder ganz entspannt, ah, da zeigt es sich schon.

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