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Die Natur richtete bei der Schlange weder Arme noch Beine ein - Goethe fand das sehr weise von der Natur.

Times mager

Goethe und sein kurioser Gang

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Was trieb den Dichterfürsten an, wenn er, mit seinen Armen weit ausladend, spazieren ging? Haschte er nach einem Gedanken? Goethe selbst gab eine andere Erklärung. Die Feuilleton-Kolumne.

Um G. muss man sich keine Sorgen (mehr) machen, auch wenn er sehr komisch werden konnte, regelrecht kauzig, was Wunder aber auch, denn er hatte so viele Facetten in seinem ganzen Wesen wie wahrscheinlich kein Mensch sonst oder kaum noch ein anderer Mensch – diesem Gedanken sind schon unzählige Autoren nachgegangen, um den Superlativ bestätigt zu sehen.

Bei allem war für Zeitgenossen nicht zu übersehen, dass G. sich auch ungewöhnlich fortbewegte, mit weit ausgreifenden Armen, wie rudernd, sah schon kurios aus. Die Frage, die sich eines Tages stellte, sah so aus, ob man sich eher an den Gedanken gewöhnen konnte oder an das Bild. Verbarg sich hinter der unmittelbaren Anschauung auch so etwas wie eine Idee? Gesprächsstoff auch das (hinter den Gardinen von Weimar).

Dass der Körper eines lebendigen Wesens sich sehr stark an der Natur orientiere, war für den auch naturwissenschaftlich eminent interessierten (und beschlagenen) G. ausgemachte Sache. Mit unmittelbaren Umwelteinflüssen erklärte er – zum Beispiel – den langen Hals einer Schlange, die schier ungeheure Ökonomie der Natur, weil diese „weder Materie noch Kraft“ darauf verschwende, bei einer Schlange sinnloserweise in Arme oder Beine zu investieren, anders als etwa bei Eidechse oder Frosch, bei denen der Hals entsprechend kürzer ausfalle, und zwar vollkommen folgerichtig. Alles habe System, zumal das Ganze eines lebendigen Organismus nichts anderes sei als ein sinnvolles Ganzes, dem die einzelnen Teile sinnvoll zuarbeiteten.

Daran mag mancher G.-Kenner denken, vor Augen eine der zahlreichen allerliebsten Szenen, auf denen schon Zeitgenossen der Goethezeit (wie die Epoche eines Tages genannt wurde) eine unbeschwerte Gesellschaft beim Spiel zeigten, bei einem Zeitvertreib mit ausgebreiteten Armen, einem schönen Taumel – man nannte es „Blinde Kuh“.

Und schon darf man sich fragen, was G. umtrieb, wenn er, mit seinen Armen weit ausladend, spazieren ging. Nach einem Gedanken haschend? Einen krausen Gedanken glatt zupfend? Die unmittelbare Umwelt, der er seine Gegenwart, seine Größe und sein Genie schenkte, mit offenen Armen empfangend?

Eine zu schöne Vorstellung. Denn tatsächlich hatte G. eine nüchterne Erklärung für sein übertriebenes Schwingen mit den Armen. Es war so etwas wie die Verbeugung vor den Vorfahren, eine Reminiszenz an die vierbeinige Vergangenheit des Menschen. So, beschied er, gehe er „naturgemäßer“. G. war häufig sehr poetisch gestimmt, doch nicht nur das! Keine seiner noch so außergewöhnlichen Angewohnheiten, die nicht geistreich gewesen wäre.

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