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Glücklich

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Von: Judith von Sternburg

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Junges Publikum im Bundestag.
Junges Publikum im Bundestag. © Tim Brakemeier/dpa/Archivbild

Über das Publikum wird meistens nur geredet, wenn es Mist baut. Das ist ungerecht.

So nervenaufreibend seinerzeit die „Publikumsbeschimpfung“ gewesen sein muss – bis heute ist unsereiner insgeheim froh, nicht dabei gewesen zu sein –, so üblich ist es gleichwohl, das Publikum zu beschimpfen. Entweder ist es zu dumm zu verstehen, wie gut der Abend war, oder es ist zu dumm zu verstehen, wie schlecht der Abend war. Entweder wickelt es knisternd Hustenbonbons aus der Folie oder es hustet mit der Kraft der Trompeten von Jericho. Entweder es schnauft und schnieft oder es grabbelt in der Reißverschlusshandtasche nach Taschentüchern (ebenfalls in Folie, zwischen dem Schlüsselbund von Schloss Frankenstein gut verborgen, nein, nicht gut, aber verborgen). Entweder es hat keine Augen im Kopf oder das Opernglas geht an der leisesten Stelle des Abends zu Boden. Entweder es schnarcht oder es plappert. Entweder sein Kopf sinkt einem beim Einnicken auf die Schulter oder es liefert sich einen zähen Kampf um die gemeinsame Armlehne.

Heutzutage muss es außerdem zwischendurch heimlich ein garantiert schlechtes Foto schießen. Das darf man nicht, und was heißt hier heimlich, und wo ist überhaupt die Polizei, wenn man sie braucht, um die fotografierenden Elemente direkt ins Gefängnis zu schaffen.

Dabei ist das Publikum nicht nur das zweitwichtigste Kollektiv bei einer Veranstaltung, und selbst darüber kann man sich streiten, denn ohne Publikum könnte sich auch das wichtigste Kollektiv – die, die etwas aufführen – in alle Winde zerstreuen. Das Publikum ist an sich auch nett, still und zumeist redlich bemüht zu begreifen, was vor sich geht. Es lacht, wenn es halbwegs witzig wird, es weint, wenn es traurig wird. Es war kein Schweiß, den sich der bis ins Ungezogene stumme Herr jüngst abwischte, es war eine Träne, vergossen für das Liedlein von Lauretta im „Gianni Schicchi“.

Und wieder glühte die Sitznachbarin aus der Pfalz vor Vorfreude, lang die Anreise, aber vorzüglich gut der Platz. In der Pause stellte sie fest, dass ihr goldenes Ührchen, angelegt für den feierlichen Anlass, nicht mehr tickte und sie alles Zeitgefühl verloren hatte. „Dem Glücklichen schlägt keine Stunde“, sagte sie frisch und aufgeräumt und fast wie der junge Piccolomini und eliminierte mit ihrem pfälzerischen Schwung alle Vorurteile gegen Sprichwörter und Publikum mit einem Streich.

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