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Das Rheinland im diffusen Licht.
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Das Rheinland im diffusen Licht.

Times mager

Glücklich

  • Christian Thomas
    VonChristian Thomas
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Nicht einmal eine Stunde vergeht seit Mainz, und die Loreley wird von einem nicht direkt gefallenen Mädchen zur wahrhaftig männermordenden Germania.

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Eine derartige Entwicklung sei nicht direkt absehbar gewesen, jedenfalls nicht unmittelbar, doch was heiße schon unmittelbar? Bedeute das kurzfristig oder doch langfristig, meint der Reisende, die Loreley nun nicht mehr vor Augen, denn der weltberühmte Felsen liegt bereits hinter einer Kehre, die die Bahnstrecke hier nimmt, der Biegung des Flusses wegen. Auch hat der IC St. Goar passiert, da ist die Loreley mittlerweile eine Sache des Rückblicks, der Erinnerung oder der Vorstellungskraft, das gilt für den Felsen ebenso wie für die Legende.

Da sei er sich gar nicht so sicher, nimmt der Gegenübersitzende im Großraumwagen den Gedanken auf, und er tut dies unaufdringlich, auch wenn er darauf hinauswill, dass die Entwicklung absehbar gewesen sei. Kurzfristig genauso wie langfristig, und das sagt er jetzt auch. Seit Mainz Hauptbahnhof, als die beiden Reisenden, gegenüber Platz nehmend im IC 2022, sich zum ersten Mal in ihrem Leben gesehen haben, sind sie in ein Gespräch über die Loreley verwickelt, und es sei, so meint der eine Reisende, von Anfang an nicht nur ein beseeltes Tändeln und romantikbeduseltes Empfindeln gewesen, ergänzt er. Sondern schon in den 1840er Jahren ein patriotisches Gewese und schließlich ein chauvinistisches Gedröhne. Hier, um nur mal zu zitieren, denn das glaube im Grunde kein Mensch. Der Reisende greift zu dem Buch, das zwischen den beiden auf dem Großraumwagentischchen liegt. Hier, wiederholt er.

Ein Ammenmärchen

Gegenüber, auf der anderen Rheinseite, weitet sich mittlerweile das Mittelrheintal, weil die Gebirgszüge rechtsrheinisch allmählich vom Strom zurücktreten. So, zum Fenster hinausschauend, empfindet es der andere Reisende, der dem Suchenden nicht auf die Finger schauen möchte, denn vielleicht kommt er ihm durch Diskretion entgegen, während dieser weiterhin blättert, vor und zurück, die Lesezeichen scheinen praktisch überhaupt keine Orientierungshilfe. Kann das sein?

Letztlich hat der Suchende das Zitat doch noch gefunden, ein, so führt er aus, Ammenmärchen aus gar nicht mal alten Zeiten. Johann Christian Glücklich habe der Autor geheißen, 1874 und 1903 habe er sein Pamphlet veröffentlicht: „Und als der Erbfeind aufs Neue den Fuß auf deutschen Nacken setzen wollte und beutegierig nach dem Rhein schielte und den frevelhaftesten aller Kriege begonnen, da erstand aus dem Loreleyliede die Wacht am Rhein!“

So ist auch seit Mainz nicht einmal eine Stunde vergangen, in der die Loreley von einem nicht direkt gefallenen Mädchen zur wahrhaftig männermordenden Germania wurde.

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