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Kein Mensch weiß, zu welchem Zufriedenheitsbereich der Glücksmoment der Rasierer-Expertin zu zählen ist.

Times mager

Glück

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Hoch lebe die Bereichszufriedenheit!

Wir Deutschen sind verdammt glücklich, wir wissen es nur nicht, es sei denn, wir lesen erst den Glücksatlas der Deutschen Post und glauben dann, was drinsteht.

Verdammt glücklich sind wir eigentlich schon deshalb, weil wir wahrscheinlich weltweit das einzige Land sind, in dem die Post einen Glücksatlas herausgibt. Keinen Zustellung-eingestellt-Atlas, keinen Briefkasten-abgebaut-Atlas, keinen Porto-steigt-Atlas, keinen Hund-beißt-Briefträger-Atlas, nein, einen Glücksatlas. Aber jetzt wissen Sie auch schon, warum wir nicht wissen, wie glücklich wir sind: Da gibt schon mal jemand einen Glücksatlas heraus, und was fällt dem Times mager ein? Zustellung-eingestellt-Atlas, Briefkasten-abgebaut-Atlas usw., alles negativ.

Wahrscheinlich liegt das an der Google-Tiefenrecherche, die sich an die Lektüre des Zeitungsartikels über den Glücksatlas anschloss. „Die Zufriedenheit mit dem Einkommen nahm von allen anderen Bereichszufriedenheiten in den letzten Jahren am stärksten zu.“ Ehrlich gesagt: Wenn jemand von Glück redet, aber „Bereichszufriedenheiten“ sagt, erscheint das Glück plötzlich so seltsam fern, und dann steht da auch noch: „Macht Geld glücklich? Ja – vor allem wenn man mehr verdient als das eigene Umfeld.“ Was für ein Glück!

Es ist nicht zu ändern, ein Hauch von Traurigkeit wehte das Times mager an, und es folgte eine Assoziationskette, die sich gewaschen hat. Sie führte aus unerfindlichen Gründen ins nächste Kaufhaus, wo jüngst beim Rasiererkauf eine veritable Angestellte erschien, aufgetaucht aus der Tiefe des fast vollständig leeren Hauhaltswaren- und Kleinelektro-Geschosses, die sich als offensichtlich unterforderte Kennerin sämtlicher Finessen der Elektrorasiererreinigung erwies und ihr Glück, einen Rasierer verkaufen zu dürfen, wohl kaum fassen konnte.

Kein Mensch weiß, zu welchem Zufriedenheitsbereich dieser Glücksmoment der Rasierer-Expertin zu zählen ist. Die Tristesse des Haushaltswaren- und Kleinelektro-Geschosses vermochte er jedenfalls auf Dauer nicht zu vertreiben. Und dennoch spendete die Vorstellung, dass dieses Kaufhaus demnächst mit dem anderen Kaufhaus fusioniert und womöglich mindestens eines von zwei Haushaltswaren- und Kleinelektro-Geschossen irgendwann verschwinden wird, keinen Trost. Wir werden sie vermissen.

Robert Seethaler hat jüngst beim Buchpräsentieren gesagt: „Traurigkeit ist ins Fließen geratene Depression und insofern wünschenswert.“ Von der Depression aus betrachtet, mag das trösten. Vom Glück aus betrachtet, hilft es nicht die Bohne.

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