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Gift

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Von: Lisa Berins

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documenta fifteen: Ein Kunstwerk ist weggeräumt. Andere kritische sind noch da. Erklärungen gibt’s nicht. Deal with it.
documenta fifteen: Ein Kunstwerk ist weggeräumt. Andere kritische sind noch da. Erklärungen gibt’s nicht. Deal with it. © Peter Hartenfelser/Imago

Der Besuch einer Kunstausstellung wird zur Gewissensfrage. Und die Verantwortlichen halten sich fein raus.

Nach der Radtour noch auf ein Getränk zur Lieblingsgaststätte, prima Idee. Nur, ach Mensch, da gibt es dieses Problem: Der Wirt ist auf einer Querdenkerdemo gesehen worden. Also: hingehen oder nicht hingehen?

Auch der Besuch der Documenta ist zur Gewissensfrage geworden, zu einer weitaus bedeutenderen, nachdem zum wiederholten Male Motive des Judenhasses entdeckt worden sind. Ist ein Besuch der Documenta überhaupt noch zu vertreten? Und selbst wenn man dann hinginge; hätte man was davon, könnte man die Kunst dort noch genießen?

Das Seltsame ist ja: In Kassel scheint es eine Art Paralleluniversum zu geben, eine Welt unter einer Glasglocke, die abgesondert vom großen Skandal vor sich hin existiert – die Welt der stillen Ruangrupa. Des Kuratorenkollektivs, das die Ausstellung künstlerisch leitet, von dem man aber in der Öffentlichkeit bisher so gut wie nichts gehört hat. Ruangrupa- Mitglieder seien vor Ort und für alle ansprechbar, heißt es immer. Da muss man nur noch wissen, wo man sie erwischt.

Besucher:innen, die auf der Documenta waren, berichten von einer merkwürdigen Stimmung: Da hängt etwas in der Luft, irgendwo zwischen ausgefallenen Workshops, aktivistischen Arbeiten und – wetterabhängig – Urlaubsstimmung. Etwas, das noch immer nicht thematisiert wird. Ein Kunstwerk ist weggeräumt. Andere kritische sind noch da. Erklärungen gibt’s nicht. Deal with it.

Das Kuratorenkollektiv hält sich fein raus, dabei hätte Ruangrupa es in der Hand: Es müsste sich noch nicht mal selbst zensieren, sondern lediglich für sein eigenes kuratorisches Konzept einstehen. Darin soll es doch gerade um den Dialog und das Miteinander gehen: um das Teilen, auch von Erfahrungen, um den respektvollen Umgang miteinander. Was ist also derart schwer daran, die Hasssymbole von selbst zu entfernen, statt die Verantwortung an ein Expertengremium auszulagern, und an deren Stelle zu erklären, warum man sich für diesen Schritt entschieden hat?

Warum nicht selbst nachforschen, woher diese Symbole kommen, wie sie auf der Ausstellung gelandet sind? Und überhaupt: Gibt es denn nicht so etwas wie eine kuratorische Fürsorgepflicht für die eingeladenen Kollektive und Künstler:innen, die seit Wochen unter Generalverdacht stehen?

Zurück zur Ausgangsfrage: Natürlich kann man auf die Documenta gehen. Nur bitte bei der Ankunft in Kassel daran denken: Für Reisegepäck und Grundwerte wird keine Haftung übernommen! Das mit dem Genuss ist eine andere Sache, aber im Fall des Radlers ziemlich klar: Unvergiftet schmeckt es einfach besser. Noch drei Kilometer bis zum nächsten Biergarten.

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