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Gereizt

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Von: Judith von Sternburg

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Wenn während einer Aufführung geplappert wird, kann das durchaus reizen.
Wenn während einer Aufführung geplappert wird, kann das durchaus reizen. © Nicolas Armer/dpa

In der Reihe hinter uns zwei Frauen, die ohne Unterlass plappern, während die Aufführung läuft. Der Boden müsste sich auftun, aber wie immer tut er es nicht.

Aus ganz anderen Gründen schon leicht gereizt, eine Reihe weiter hinten dann die beiden Frauen, die ohne Unterlass plapperten, während die Aufführung lief. So entstand der Plan, ihnen dieses Times mager zu widmen.

Zwei Frauen in der vorletzten Reihe, jung, munter, kulturaffin, an einem solchen Ort, einem Theater, mehr zu Hause als unsereiner, was auch immer deprimierend ist, aber Rezensentenschicksal (der Rezensent und die Rezensentin sind nirgendwo zu Hause, sie schauen immer nur zu). Die beiden Frauen plapperten sogar über die Aufführung, muss man dazusagen, die Aufführung schien ihnen zu gefallen. Das mussten sie in jeder Minute, Sekunde, zum Ausdruck bringen.

Die eine mit einem Mützchen, das einem 20 Jahre später auf Fotos etwas peinlich ist, aber die kluge Mutter hat uns beigebracht, Menschen unter keinen Umständen nach ihrem Äußeren zu beurteilen. Also beurteilen wir sie nach ihren Taten, und das tun wir, seien Sie sich dessen gewiss. Allerdings scheiterten die üblichen magischen Vorkehrungen – nach hinten abgeschossene Wunderpfeile, Zauber zur Öffnung des Bodens – wie immer kläglich.

Die vorletzte Reihe: Wer sich nach hinten setzt, das weiß jeder, der einmal zur Schule und sofort nach hinten gegangen ist, will entweder seine Ruhe oder in Ruhe Unsinn machen. Eine scharfe Konfliktlinie.

Eine Aufführung ohne Worte, dies förderte das Geplapper zweifellos, rechtfertigt es aber nicht. Wenn auf der Bühne nicht gesprochen wird, hat dies künstlerische Gründe. Auch heißt es nicht umsonst zuhören und zuschauen und nicht zuquatschen. Man könnte jetzt ausführlicher darauf eingehen, dass die Stille (und Dunkelheit) im Zuschauerraum über einen längeren Zeitraum entwickelt und durchgesetzt wurde – natürlich will der Mensch ständig etwas äußern, es purzelt praktisch aus ihm heraus, er kann es nicht hindern, außer er reißt sich wirklich einmal zusammen.

Dabei ist es etwas ganz Besonderes. Still sein, nicht zappeln, sich zu einem Lebewesen machen, das aufnimmt, wahrnimmt, fühlt, denkt und schweigt. Nicht für den Rest seines Lebens, nicht für den Rest des Tages. Sagen wir: 100 Minuten lang, dafür aber bedingungslos.

Die beiden Frauen werden sich indes gesagt haben: warum eigentlich, und verließen den Zuschauerraum. Eine Ungezogenheit sondergleichen, einerseits, andererseits wurde es daraufhin noch ein richtig schöner Abend.

Das Times mager hingegen bleibt gereizt. Neben quatschenden Zuschauerinnen gibt es noch zwei andere Geräusche, die einem mitten im Alltag die Lebensfreude nehmen können. Das eine ist das Geräusch beim Abbeißen von einem Apfel, das andere das Geräusch von Rollkoffern beim Herumrollen auf Straßenpflaster. Interessant, dass beide gewissermaßen der Gesundheit dienen, das macht sie unangreifbar. Eine Person, die apfelessend mit einem Rollkoffer durch die Welt zieht, dürfte ewig leben. Auch das noch.

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