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Modische Haarschnitte braucht man bei der Telefonkonferenz eigentlich nicht.

Times mager

Geräusche

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Bagger baggern, Vögel piepen, Kollegen suchen schnaufend was auch immer. Bei Telefonkonferenzen ist eine Menge los.

Heute: Nebenbeschäftigungen bei Telefonkonferenzen. In Berufen, die nicht zwingend den Kontakt mit realen Personen voraussetzen (etwa Astrologe, Bundespolitiker, Promi-Biograf oder Einhornromanautor), macht sich gerade eine Kultur der fernmündlichen Programmabsprache breit. Nachteil: Man sieht sich nicht. Vorteil: Man sieht sich nicht.

Mag es schon früher Leute gegeben haben, die in der präsenzbasierten Konferenzvariante ihre E-Mails auf dem Wischtelefon checkten oder selbstvergessen die Zeitungstitelseite ausmalten, obwohl der Chef alles sah, so sind nun dem Paralleltreiben keine Grenzen mehr gesetzt.

Hosen? Kaum. Wer zwängt sich in lästiges Textil, um mit einer Bande zu telefonieren, die vermutlich ebenfalls nur das Nötigste am Leib trägt? Frisuren? Eine Mode, auf die man Wert legte, als es Läden gab, in denen sich schicke Haarschnitte erwerben ließen, den Schein zu wahren, man habe sein Leben im Griff.

Geräusche – sie sind es, die das Telefonkonferenzwesen lebendig machen. Rascheln. Husten. Tastaturtippen. Wann hat man zuletzt den kratzigen Klang gehört, der ruft: Feuerzeug – da steckt sich jemand eine Zigarette ins Gesicht! Jetzt hört man ihn wieder. Und rätselt, wer da raucht. Man weiß auch nicht, wer da … „Sagt mal Leute, knipst sich da etwa einer die Fingernägel, während wir hier über den städtischen Finanzhaushalt …?“ – „Wer? Ich?“

Den Hörer zwischen Schulter und Kinn einzuklemmen, ist vielleicht eine feine Idee für alle, die ihr Geld mit Telefongesprächen verdienen, bei denen man angeblich gar nichts anhat (aber heimlich nebenher Socken strickt). Wer jedoch nur nach dem Katzenfutter ganz hinten im Schrank kramt, schnaufend, sollte bedenken: Team hört mit. Und macht sich seine Gedanken. Auch über Vogelgezwitscher. Telefonkonferiert Kollege Y. etwa im Wald? Das Ausräumen der Spülmaschine stört als Nebentätigkeit sehr bei der Absprache kommender Themenschwerpunkte in der Gruppe. Dagegen lassen sich ganz hervorragend einige Partien Solitär, Free Cell oder Fish Mania spielen, während es in der virtuellen Staatskanzlei um die konkrete Ausgestaltung der Sicherheitsbestimmungen während einer Pandemie geht. Mag sein, dass die Bevölkerung anschließend orientierungslos durch die Welt tappt. Möglich, dass montags ein paar Viertklässler vor verschlossenen Schultüren stehen. Aber irgendwas ist ja immer.

Eine Telefonkonferenz jedenfalls ist kein Grund, der Bezaubernden nicht zum morgendlichen Abschied aus dem Badezimmerfenster zu winken, den Hörer am Ohr. Die Baustelle nebenan wird schon nicht stören. Eine Bitte noch: Sagen Sie nicht „Telko“.

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