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Die Genetik und ihre traurige Karriere als Metapher.

Times mager

Die Feuilleton-Glosse: DNA

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Passt wie die Faust aufs Auge: Die Genetik und ihre traurige Karriere als Metapher.

Jüngst schrieb der Autor, dessen Name hier nicht genannt werden soll, das „geflügelte Wort“ (welches, spielt hier keine Rolle) passe in der hier verhandelten Sache (welche, ist jetzt mal egal) „wie die Faust aufs Auge“. Kollege E. muss sich vorgestellt haben, wie das Wort die Schwingen ausbreitet, den Mund dessen, der es gerade im selben führte, verlässt, sich flugs in eine Faust verwandelt und auf einem nicht näher benannten Auge landet.

Prompt schlug Kollege E. vor, die Metapherndichte noch einmal zu überprüfen, was auch geschah. Die Formulierung, dass eine bekannte Flug(!)gesellschaft sich „in schwerem Fahrwasser“ befinde, schaffte es dagegen bis in die Zeitung. Was wiederum den Kollegen E. zu dem kritischen Hinweis veranlasste, dass gewässertaugliche Flugzeuge nach volkstümlicher Ausdrucksweise nicht selten „auf dem Wasser landen“, die bekannte Fluggesellschaft allerdings nach seinem, des Kollegen E., Wissen für ihren Betrieb lediglich Maschinen mit Rädern verwende.

Drohung: „Wir müssen die DNA der Formel 1 erhalten“

So weit die Einleitung, und jetzt zur Genetik beziehungsweise ihrer traurigen Karriere als Metapher. Wir kennen ja alle die Desoxyribonukleinsäure, auf der es sich unser aller Erbgut bequem gemacht hat und die wir alle gern nach ihrem englischen Namen als „DNA“ bezeichneten. Um ehrlich zu sein: Mit ihr ist etwas Besorgniserregendes geschehen. Sie hat sich in Dingen breitgemacht, von denen wir bisher dachten – und manchmal hofften –, sie hätten in Wirklichkeit gar kein Erbgut.

Wo DNA ist, besteht die Gefahr, dass sie sich vererbt. Was sagt es uns also, wenn ein Typ von Ferrari droht: „Wir müssen die DNA der Formel 1 erhalten“? Dürfen wir hoffen, dass es bei der Verteidigung der freiheitlichen Demokratie „um die DNA der EU“ geht („Oberbayerisches Volksblatt“)? Oder vererbt sich Flüchtlingshass, nachdem Ungarn und Polen „die Anti-Migrationspolitik zur Kern-DNA ihrer Politik gemacht“ haben (Deutschlandfunk)? Und wie macht man das überhaupt? Müssen wir uns Sorgen machen, wenn ein Fußballtrainer im Gespräch über seine „Philosophie“ behauptet, er sei „mit der DNA, die Leipzig hat, ... groß geworden“? Was werden seine Kinder einmal dazu sagen?

Aber es gibt auch jede Menge guter Nachrichten: „Jeder Staat hat seine spezifische DNA des Katastrophen- und Krisenmanagements“, das gilt sogar für Österreich, wie im Wiener „Standard“ zu lesen war, und noch besser: „Nachhaltigkeit liegt in der DNA des Handwerks“.

Diese Bemerkung stammt aus einer Publikation mit dem schönen Namen „Handwerksblatt“, und dort wird man ja wissen, warum man das geflügelte Wort im Munde führt: Es passt wie die Faust aufs Auge.

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