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Gedächtniskapseln könnten so manchem auf die Sprünge helfen.

Times mager

Genau

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„Wie weit noch?“ „Genau. Keine Ahnung.“ Denn das kleine Wort „genau“ geht bei genauerer Betrachtung seltsame Wege.

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Eigentlich drehte sich das Gespräch um Gedächtniskapseln. Stammgast H. hatte einen Prospekt mit ins Kaffeehaus gebracht, in dem für dieses Produkt geworben wurde, in dem aber, wie H. betonte, ein wichtiger Hinweis fehlte: „Fritz-Walter-Gedächtniskapseln, nur mal als Beispiel“, sagte der schon etwas ältere H., „oder John-Wayne- oder Helmut-Schmidt-Gedächtniskapseln, von mir aus“, aber einfach nur „Gedächtniskapseln“, das sei höchstens ein Placebo, obwohl: Man wisse hier ja nicht mal, welche Wirkung man sich einbilden solle, jedenfalls nicht genau.

„Genau“, echote es in diesem Augenblick vom Nebentisch, aber das war gar kein Echo. Der junge Mann, dem zahlreiche Haare aus dem Gesicht und die behaarten Waden aus der hip hochgekrempelten Hose sprossen, hatte dem Gedächtnis-Gespräch gar nicht zugehört, sondern redete mit seiner Tischnachbarin über irgendein Projekt bzw. auf sie ein. „Und ihr arbeitet kontinuierlich zusammen, oder nur projektbezogen …“, hatte die Frau stichwortgebend eingeworfen, und der Mann hatte geantwortet: „Genau.“

Genau genommen war das gar nicht die Antwort, sondern es stellte den Anfang eines jeden Redebeitrags dar, den der junge Mann zum Besten gab. „Genau“, bestätigte er also, „nur projektbezogen, so zwei oder drei Mal im Jahr. Genau.“ Das war so, als hätte Ihre Partnerin vom Beifahrersitz aus gefragt „Rechts oder links?“, und Sie: „Genau. Rechts.“ Oder, leicht zugespitzt: Partnerin: „Wie weit noch?“ Sie: „Genau. Keine Ahnung.“

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Das Ganze weckte nun wieder die Aufmerksamkeit am Tisch von Stammgast H., wo man sich nach der Funktion des Füllworts „Genau“ zu fragen begann. „Das kann alles bedeuten, nur nicht das, was es bedeutet“, schlug jemand vor. Stammgast H. wandte ein, diese Deutung sei ihm zu ungenau. Wenn mit „genau“ schon nicht so etwas gemeint sei wie „Exakt“ oder „Stimmt“ (was bei einer „Oder“-Frage schlecht möglich sei), dann stelle das Wort „Genau“ beim Herrn Hipster wohl eine Art Empfangsbestätigung dar, allerdings nicht nur für die Fragen der Stichwortgeberin, sondern auch für den eigenen Sermon.

So, fügte H.s Gesprächspartner kulturpessimistisch an, gehe das heute: Im Handumdrehen seien die Wörter ihre Bedeutung los. Letztens, zitierte H. zustimmend aus dem Gedächtnis, habe im Radio jemand nicht etwa gesagt, Deutschland habe am Tag der Befreiung „der Opfer des Nationalsozialismus gedacht“, sondern: „an die Opfer …“. Das, fügte H. durchaus erregt hinzu, sei „nicht ungenau, sondern Mist“. Er schlage vor, für solche Leute „ein paar Gedenkkapseln zu erfinden“.

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