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Gemüse

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Von: Sylvia Staude

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Mochte keinen Brokkoli: George H. W. Bush, hier noch zu Lebzeiten.
Mochte keinen Brokkoli: George H. W. Bush, hier noch zu Lebzeiten. © Lm Otero/dpa

Etepetete sind offenbar nicht nur US-Präsidenten, sondern auch ungeborene Kinder. Dabei ist Gemüse so gesund. Die Kolumne „Times mager“.

Und ich bin Präsident der Vereinigten Staaten. Und ich werde keinen Brokkoli mehr essen!“ Das soll George H. W. Bush gesagt und das hübsch sattgrüne Gemüse im Weißen Haus und auf Flügen der Air Force One verboten haben. Kraft seines Amtes? Mit Unterschrift und Siegel? Er hätte die Brokkoliröschen ja auch einfach an den Tellerrand schieben können. Oder, die spektakulärere, wenn auch etwas unpräsidentische Geste, an die Wand/ans Flugzeugfenster werfen können. Nicht, dass man Bush Senior, eigentlich auch allen anderen US-Präsidenten, so rüpelhafte Tischmanieren zugetraut hätte.

Bis auf den vorletzten, Nummer 45. Denn überliefert ist von Donald Trump – das kann nur den überraschen, der dessen Amtszeit vorsorglich im Winterschlaf verbracht hat –, dass er ganze Teller warf, inklusive dramatisch an der Wand runterrinnendem Ketchup. Da dies bei ihm aber trotz Spuren von Tomate nichts mit Gemüse (wer wagte, IHM Gemüse zu servieren?), alles aber mit kindischer Wut zu tun hat, beenden wir das Thema Trump hier gleich wieder.

Denn es soll darum gehen, dass wichtige und auch kluge Menschen den Ruf manches tadellosen Gemüses ruinieren, indem sie es a) nicht mögen und dies alle Welt wissen lassen, b) darüber forschen, dass selbst Föten im Mutterleib manches Grünzeug wohl verschmähen würden, wenn sie nur die Wahl hätten.

„Ungeborene mögen keinen Grünkohl“, meldete kürzlich ein Forscherteam der britischen Durham University. Bild-Zeitung, wo warst Du, als sich diese Schlagzeile anbot und mithin die Chance, Kohl essenden Müttern ein schlechtes Gewissen zu machen?

Erstmals, darauf legt das Forscherteam Wert, habe man mittels 4D-Ultraschall-Aufnahmen nachweisen können, wie Föten auf diverse Nahrungsmittel reagieren, die die Mutter zu sich nimmt. Deutlich sei zu erkennen, dass sie angesichts von Möhrenaroma im Fruchtwasser lächeln, bei Grünkohl aber das Gesicht verziehen, als wollten sie gleich weinen. Von Brokkoli ist vorerst nicht die Rede. Auch nicht von Spinat. Was hat der Kohl den Forschenden getan, um so gemobbt zu werden?

Dass Kohlarten gesund sind, zählt das nichts? (Sollte man nicht lieber erforschen, wie man das dem Fötus vermittelt? Per Morsezeichen?) Dass Grünkohl Löwen rettet, das Klima noch dazu, ist das kein Argument? In Botswana jedenfalls, so meldet der Wildlife Conservation Fund, könnten im Rahmen eines „Climate Smart Agriculture“-Projekts mit Gemüseanbau Löwen, Leoparden, Wildhunde gerettet werden. Denn diese mögen auch keinen Brokkoli (und Kohl, Spinat ... nicht einmal Möhren), wohl aber sowieso nur klimaschädliche Kühe. Den Raubtieren also das Vieh, während der Mensch Gemüse anbaut. Essen muss er es dann natürlich auch.

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