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Über ihn will man alles wissen: Hermann Prey.

Times mager

Gelegenheit

  • Judith v. Sternburg
    vonJudith v. Sternburg
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Es geht unheimlich schnell, und dann hat man schon wieder alles verpasst. Zum Beispiel damals, 1952 in Bad Salzschlirf.

In Helmut Deutschs Buch „Gesang auf Händen tragen. Mein Leben als Liedbegleiter“ (Henschel Verlag 2019) steht auf praktisch jeder Seite etwas, das das Publikum von Liederabenden schon immer unbedingt wissen wollte. Vielleicht wusste es das bisher gar nicht. Aber es ist von größtem Interesse, mit welcher Hand der Notenumwender die Seiten umblättert. Und ob die Sängerin dem Klavierbegleiter zunickt, damit er zu spielen beginnt.

Heute interessiert uns aber eine Bemerkung auf Seite 28. Hermann Prey, über den man wirklich alles wissen will, erzählt Deutsch, wie er bei seinem Bühnendebüt in Eugen d’Alberts Oper „Tiefland“ vergisst zu singen, weil er vom dramatischen Geschehen auf der Bühne so abgelenkt ist. Es sei eine winzige Rolle gewesen, eine Zeile praktisch. Prey aber hört zu, singt nicht, verpasst sein Debüt. In Bad Salzschlirf übrigens, 1952. Das Wiesbadener Theater gab hier ein Gastspiel. Das Wiesbadener Theater gab 1952 in Bad Salzschlirf ein Gastspiel? Ich sagte ja schon, dass das alles sehr interessant ist.

Eine schöne, sympathische Szene jedenfalls, nicht nur, weil es immer lustig ist, wenn zur Abwechslung einmal ein anderer den Fehler macht. Sie erzählt auch davon, wie rasant es auf der Bühne zugeht, und dann gibt es schon kein Zurück mehr (Deutsch hat zahllose Anekdoten zur Hand, wie Klavierbegleiter schauen müssen, dass sie wieder zur Sängerin und zum Sänger gelangen, weil diese Strophen überspringen oder doppelt singen oder Takte auslassen, und dabei darf sich keiner etwas anmerken lassen). Und sie erzählt davon, dass man leider nicht jede Gelegenheit im Leben nutzen kann.

Auch wir liegen auf dem Sofa und lesen Helmut Deutschs großartiges Buch „Gesang auf Händen tragen. Mein Leben als Klavierbegleiter“ (223 Seiten, 26 Euro), anstatt den Roman fertigzustellen, an dem viele von uns seit nun immerhin drei Monaten abends und morgens und manchmal auch tagsüber schreiben könnten.

Dann schaut man natürlich noch nach, welche Rolle das gewesen sein wird, und liest, dass Prey als Moruccio debütierte. So klein ist die Rolle nicht, alles spricht dafür, dass er doch noch etwas gesungen hat. Und dass Zeugen selbst in eigener Sache unzuverlässig sind. Es fällt zudem nicht auf, weil „Tiefland“ eine weitgehend vergessene Oper ist. Wenn man sie hört, bekommt man eine Vorstellung davon, woran das liegen könnte, und bedauert es doch. Vorerst bleibt nur die offenbar gängige Kreuzworträtselfrage: „Figur aus der Oper ,Tiefland‘ mit vier Buchstaben“. Deutlicher kann vergangener, bis nach Bad Salzschlirf reichender Ruhm – und das will etwas heißen, ernsthaft – kaum vor Augen geführt werden.

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