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Geisterstunde

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Von: Christian Thomas

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Die Frankfurter Buchmesse ist auch ein Ort seltsamer Begegnungen.
Die Frankfurter Buchmesse ist auch ein Ort seltsamer Begegnungen. © dpa

Eva Demski über ihre Arbeit als Kulturjournalistin beim Fernsehen auf der Buchmesse: "Wir waren wie Generäle: Die nehmen wir rein, den nicht. Tod oder Leben, alle Jahre wieder."

Nicht von ungefähr eine Geisterstunde, gleich am Anfang. Leibhaftig treibt sich die Autorin auf einer der Buchmessen jüngeren Datums rum, ein quicklebendiger Geist auf rund 20 Seiten, eine Geisterseherin, Jahrgang 44, die in dem Moment, als sie den ersten Fuß auf eine der Messerolltreppen stellt, einen Schrecken bekommt. Sogar Geisterseherinnen können nicht alles absehen, etwa ein mit einem Male schneller gestelltes Messemenschentransportband, auch wenn eine Seherin wie sie sonst so gut wie alles während der versammelten Geisterstunden einer Frankfurter Buchmesse durchschaut. Und die Gespenster sind ja nicht nur die Hexlein und Katzenmädchen, nicht nur die Trolle, Zauberer oder Zombies – wie Aliens spuken Autoren der Buchmessebesucherin durch den Kopf, vor Augen tanzen die Geister verflossener Jahre, drei, vier, fünf Jahrzehnte her. Große Geister, Kleingeistige. Viele bereits Mitglieder in einem Club der toten Dichter. Darunter sind viele in abgezirkelter Begleitung ihrer Musen – wie die Geisterseherin schreibt, die das aus der Perspektive einer Frau tut. So sieht sie nicht wenige Geisteskräfte in nicht abgezählter Begleitung von Groupies.

Die Eitlen werden entlarvt, Dumme mit einem Wort übergangen, die Wichtigtuer auseinandergenommen. Die Rückschau erweist sich als eine freimütige Rundschau. Sie selbst, die Seherin, begann ihre Buchmessekarriere als Kulturjournalistin beim Fernsehen – und nicht nur das: „Wir waren wie Generäle: Die nehmen wir rein, den nicht. Tod oder Leben, alle Jahre wieder.“ Sie war in dieser Bücherwelt ein großes G., Gebieterin über erste und letzte Fragen, aber auch eine Buchgläubige, die den Glauben an die Welt für immer wieder eine Schrecksekunde zu vergessen scheint, so durch den Freitod Jean Amérys. Oder durch den Tod Helga M. Novaks: „Lest ihre Gedichte, ihr Unwissenden.“ Ein literarischer Aufruf, als könnte sie gebieten. Natürlich ist das unmöglich auf einem Buchmarkt der „schnellen Verderblichkeiten“. Umso irrsinniger die Hoffnung auf ein Weiterleben, im Werk, über den Tag hinaus. Ein uralter Topos, ein Gerücht, grundsätzlich klar war der Journalistin das krasse Missverhältnis: „Aber ich fiel darauf rein, kaum daß mein erstes Buch auf der Welt war. Ich wurde so kleinkindhaft lob- und liebessüchtig wie alle, die ich dafür verachtet und ausgelacht hatte.“ Gekonntes Plusquamperfekt, aber es hilft nicht immer und heilt nicht alles.

Als Leser unterwegs mit dieser Autorin, begleitet man eine gesegnet leichtfüßige Stilistin. Sollten Sie noch nicht Eva Demskis zu „Den Koffer trag ich selber“ gelesen haben, dann haben Sie, angefangen mit dem Auftaktkapitel, auf dem Gebiet der Erinnerungen richtig was verpasst.

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