1. Startseite
  2. Kultur
  3. Times mager

Geist

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Stephan Hebel

Kommentare

Grillen, reden, essen, reden – und am Ende wird alles gut. Schön!
Grillen, reden, essen, reden – und am Ende wird alles gut. Schön! (Symbolbild) © Malte Christians/dpa

Trotz einiger Bekenntnisse war es ein friedlicher Grillabend. So sollte es überall sein, bitte, Weltgeist, hilf. Die Kolumne „Times mager“.

Die Dynamik eines Grillabends in der Nachbarschaft ist auch für diskrete Ohren gut nachzuverfolgen, was übrigens, entzückende Nachbarsleute vorausgesetzt, auch den Zuhörenden große Freude bereiten kann.

Zu Beginn folgt der Grillabend den nüchternen Gesprächsregeln des Alltags, denn noch ist es Nachmittag, die Feuerstelle außer Betrieb, der Kühlschrank geschlossen. Einer, meistens der beruflich Managendste von allen (das Gendern wäre hier fehl am Platz) berichtet von Thematiken und Problematiken, die am Ende des Tages adressiert werden müssten, was allerdings am Ende dieses Tages keineswegs geschehen wird, glücklicherweise, dazu gleich mehr.

Nebenbei sei noch einmal hervorgehoben, dass der managende Wortführer nicht von Themen und Problemen spricht, sondern ausschließlich von Thematiken und Problematiken. Das ist auch absolut verständlich, denn in seinem Geschäftsleben wäre schnell Schluss, wenn er auch nur einmal sagen würde „Wir haben ein schwieriges Problem“, während alle beruhigt nach Hause gehen, noch bevor irgendetwas adressiert wurde, wenn er sagt: „Wir haben diese herausfordernde Problematik umfassend auf der Agenda, definitiv.“

Der Vortragende aus dem Management ist auch über den Lauf der Welt informiert. So berichtet er, dass selbstfahrende „Robotaxis“ in San Francisco, die nachts in manchen Stadtteilen ohne Menschen am Steuer verkehren dürfen, sich plötzlich sehr zahlreich in einer Straße versammelt hätten. Dort seien sie stehengeblieben, bis sie von leibhaftigen Menschen weggefahren oder „per Funk weggelotst“ worden seien.

„Roboterdemo!“, ruft eine Zuhörende begeistert dazwischen, und ob man die nicht statt der Soldaten in die Kriege schicken könne, auf dass sie sich zum Friedensmarsch zusammenrotteten. Allgemeines Nicken, kurz fällt ein Schatten auf die Grillgesellschaft, obwohl der Himmel blau ist, die Raketen weit weg und doch präsent für diesen Moment.

Nun wird es langsam Abend, der Kühlschrank gibt Köstliches frei, und das Gespräch nimmt neue Wendungen. Der Arbeitsalltag verblasst und an seine Stelle tritt das Thema des persönlichen Wohlbefindens. Allgemeine Aufmerksamkeit gilt vor allem der Linderung unangenehmen Hustens, warum auch immer, und schon kommt die Rede auf ein Mittel, das wir alle seit 1826 kennen, dessen Namen wir hier aber natürlich nicht nennen. Stattdessen zitieren wir die liebe Nachbarin mit den Worten: „Ich war mal Klosterfrau-Melissengeist-abhängig.“

Ob durch äußere oder innere Anwendung, bleibt offen. Friedlich neigt sich der Grillabend seinem Ende zu. So sollte es überall sein, bitte, Weltgeist, hilf.

Auch interessant

Kommentare