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Durch das Heilig-Geist-Loch im Mittelschiff des Stephansdoms in Passau lässt Kapellmeister Unterguggenberger die allerschönsten Töne erklingen.

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Durch das Heilig-Geist-Loch im Stephansdom in Passau lässt Kapellmeister Unterguggenberger die allerschönsten Töne erklingen.

Wenn es Mittag wird in Passau, lässt Domkapellmeister Andreas Unterguggenberger die größte Orgelanlage Europas erklingen. Kurz vorher füllt sich das barocke Gotteshaus, vernünftigerweise nach dem Heiligen Stephan benannt, mit Hunderten Menschen, dem Klang ihres Gemurmels nach zu urteilen sind die meisten davon Amerikaner.

Am Ende des kleinen Konzerts erklingt Bachs berühmte Toccata in d-Moll so mächtig, dass vom Schnarchen des Hintermanns nichts mehr zu hören ist. Man sollte Verständnis haben, er hat am Vormittag sicher schon Wien und Regensburg bewältigt, mindestens. Nur das bläuliche Leuchten aus dem Handy der Frau vorne rechts, die eine SMS nach der anderen schreibt, gibt der Atmosphäre eine besondere Note.

Vorher hat Kapellmeister Unterguggenberger das Instrument erklärt, das in Wahrheit aus fünf Orgeln besteht, deren Pfeifen sich über das ganze Gotteshaus verteilen. Wer nur vier entdeckt, wird von einem freundlichen Wächter belehrt, dass die Pfeifen der fünften sich im Dachstuhl über dem Heilig-Geist-Loch befinden.

Es versteht sich von selbst, dass man als gottesferner, aber toleranter Mensch weder laut loslacht noch durch das riesige Kirchenschiff „Hä? Heilig-Geist-Loch?“ brüllt, sondern nach Verlassen des Doms demütig googelt, zumal man ja nicht wissen kann, ob man der Einzige ist, der nicht weiß, was ein Heilig-Geist-Loch ist.

Alle Heilig-Geist-Loch-Kenner mögen bitte verzeihen, wenn hier kurz zusammengefasst wird, was eigentlich auf der Hand liegt: Das Heilig-Geist-Loch in der Decke eines Kirchenschiffs erleichtert es dem Heiligen Geist erheblich, vom Himmel auf die Gläubigen niederzufahren. Das ist lieb gemeint, auch wenn einzuwenden wäre, dass der Heilige Geist – Geist, der er nun mal ist – auch durch die dickste Wand zu fahren imstande ist, mindestens so wie Harry Potter am Bahnhof King’s Cross auf dem Weg zu Gleis neundreiviertel.

Egal, das Loch hat trotzdem seinen Sinn, man kann zum Beispiel an Pfingsten ein paar Heilig-Geist-Darsteller herunterlassen, also hölzerne oder echte Täubchen, und – Achtung, Multifunktionsloch! – an Christi Himmelfahrt wird hier und da sogar Jesus nach oben gehievt, auch er aus Holz oder gar dargestellt von einem lebenden, echten Menschen.

Durch das Passauer Heilig-Geist-Loch aber lässt Kapellmeister Unterguggenberger die allerschönsten Töne erklingen, im Wechsel mit den Pfeifen der anderen vier Orgeln, die er alle von einem Spieltisch aus beherrscht. Und heilig oder nicht, es ist ein besonders schöner Geist, der den Dom durchströmt, bevor die Amerikaner nach kurzem Applaus weiterziehen. Wahrscheinlich wartet noch München, und bis Heidelberg ist es weit.

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