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Zeit, die man gibt, sollte man sich auch selbst nehmen. Das Internet empfiehlt zum Beispiel, ein gemeinsames Krötentragen zu verschenken.

Times mager

Es geht um Zeit

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Früher kam es auf ein paar Minuten nicht so sehr an. Das hat sich geändert!

So ist das mit der Zeit: Mit der Zeit schleichen sich die Dinge ein, und schon ist alles anders. Früher zum Beispiel bedankten sich die Interviewerinnen und Interviewer im Radio am Ende „für das Gespräch“. Heute sagen sie immer öfter „Vielen Dank für Ihre Zeit“, und das ist durchaus zeitgemäß.

Sie müssen sich nur vorstellen, Sie wären eine Politikerin oder ein Politiker, und das Radio ruft an, und früher hätten Sie vielleicht gedacht: Soso, da will jemand mit mir reden, der will bestimmt wissen, was ich zu sagen habe. Heute würden Sie denken: Soso, da will jemand meine Zeit.

Früher, als es noch nicht ganz so schnell ging, kam es auf ein paar Minuten nicht so sehr an. Noch bildeten wir uns erfolgreich ein, Zeit könne man „haben“, als hätte die Zeit nicht auch damals schon gemacht, was sie will. Früher haben wir das einfach vergessen, und dann haben wir mit jemandem geredet, als stünde sie still, die Zeit, und derjenige oder diejenige wäre nie auf die Idee gekommen, sich für unsere Zeit zu bedanken, als hätte er jetzt mehr davon und wir weniger. Beziehungsweise war es in Wirklichkeit früher so, dass wir auch schon keine Zeit hatten, es fühlte sich jedenfalls so an.

Trotzdem haben wir heute noch mehr keine Zeit als früher, und unsere Freunde auch, und deshalb sagt das Internet, wir sollen „Zeit statt Zeug“ verschenken. Das hat zum Beispiel den Professor Harald Welzer, der quasi seine gesamte Zeit mit Zeitdiagnosen verbringt, zu der begeisterten Bemerkung veranlasst, „dass diese Art Geschenk durchaus zwei Seiten hat, muss man doch die Zeit, die man gibt, sich selbst gleich auch nehmen, so dass die Freude, die man gibt, wie schon das Poesiealbum wusste, direkt ins eigene Herz zurückkehrt“.

Das Internet empfiehlt zum Beispiel, ein gemeinsames Krötentragen zu verschenken, jemandem das Stricken beizubringen oder „Pilze sammeln statt Pralinen“, wobei kritisch anzufragen wäre, warum ein Herbstnachmittag mit Pralinen so viel weniger Freude ins Herz bringt als die Aneinanderreihung von Kriechvorgängen in einem feuchten Wald.

Der Politiker, wäre noch zu ergänzen, schenkt seine Zeit gar nicht dem Radio, sondern er darf seine Weisheit unter die Leute bringen, nimmt also an einem Gegengeschäft teil. Was aber nichts daran ändert, dass er dafür einen Teil seiner knappen Zeit aufwenden und diesen Einsatz einer Reihe von Minuten minutiös planen muss.

Wenn Sie wissen wollen, wie weit diese Problematik bereits in breite Bevölkerungsschichten vorgedrungen ist, beachten Sie bitte folgende Aussage eines Times-Mager-Lesers: „Das habe ich im Times Manager gelesen.“

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