Straßenmusiker in London: Besser ein Kartenlesegerät dabei haben.
+
Straßenmusiker in London: Besser ein Kartenlesegerät dabei haben.

Times mager

Pfund

  • Thomas Stillbauer
    vonThomas Stillbauer
    schließen

„Überweiste mal’n Sümmchen?“ So geht Betteln heute in London. Und morgen gibt es Online-Nagelstudios.

Heute: Neues aus dem internationalen Geschäftsleben. Und eine Extraportion Zynismus kostenlos dazu.

In London haben jetzt nicht nur die Straßenmusizierenden ein Kartenlesegerät für bargeldlosen Zahlungsverkehr dabei, sondern auch Bettelnde. Ein großes Schild neben sich mit den Erkennungszeichen der gängigen Kreditkarteninstitute und einen handlich kleinen Apparat, internetfähig, ganz ohne Kabel.

Aus „Haste mal’n Pfund?“ wurde somit „Überweiste mal’n Sümmchen?“. Praktisch für die Spendenbereiten, und die Empfangenden haben nach Feierabend weniger Münzgewicht zu schleppen. Falls sie ein Internet- und ein Bankkonto besitzen. Bei der jungen Sängerin in Covent Garden mit ihrer glockenhellen Stimme und ihrem CD-Verkaufsstand ist das anzunehmen. Bei dem Zottel auf der Portobello Road eher nicht. Noch klingelt es in ihren Sammelbehältern, noch ist die Online-Kundschaft in der Minderzahl. Wenn sie wächst, werden Papierkosten zum Faktor. Womöglich verlangt das Gros einen Zahlungsbeleg.

Stark anzunehmen, dass London nicht die einzige Stadt mit dieser Tendenz zur Großzügigkeit ohne Anfassen ist. Sicher hat das Silicon Valley längst ein Verfahren erfunden, mit dem die Gönner im Vorbeigehen nur an einen Betrag denken müssen, der dann automatisch den Darbenden zuteil wird. Bitte: kein Vorwurf. Hilfe bleibt Hilfe. Es fühlt sich nur seltsam an. Es fühlt sich eigentlich gar nicht an. Es berührt ja überhaupt nicht mehr. Niemand berührt niemanden. Keine Hand wird gereicht.

Andernorts werden immer mehr Hände gereicht, Finger, um genau zu sein. Fingerspitzen. Hier daheim um die Ecke musste ein Elektrogeschäft seine Sachen packen und wegziehen. So ein Laden mit Rat und Tat. Der Mann hinterm Tresen wusste Bescheid und zog das Benötigte umstandslos aus der Schublade, es kostete fast nichts. Er war der Alleshaber. Er machte pleite, weil er halt nur der kleine Alleshaber war und nicht die Megakette mit kontaktloser Zahlungsfunktion.

Ein mutiger Nachfolger übernahm den Laden am neuen Ort, aber das Aufatmen dauerte nur ein, zwei Jahre. Dann war endgültig Schluss, und dann konnte endlich ein Nagelstudio in die Geschäftsräume einziehen. Ungefähr Nagelstudio Numero 795 in dieser Stadt. Ganz erstaunlich, wenn man durchs Fenster schaut, sitzen überall Leute drin und lassen ihre Nägel studieren. Was haben Nagelbesitzende bloß früher gemacht, als es noch null Nagelstudios gab? Sich die Fingernägel selbst geschnitten?

Wir sagen Bescheid, wenn das erste Online-Nagelstudio aufgemacht hat. Bleiben Sie dran.

Kommentare